Nachlese & Seitenblicke
Kommentare 6

Minimalismus: Das neue Opium fürs Volk?

Neulich beim Googeln über einen mir unbekannten Artikel mit dem Titel „Minimalismus als Systemstrategie“ gestolpert. Sofort neugierig angeklickt. Erschienen in der Wochenzeitung „Junge Freiheit“. War da nicht was? Das ist doch das Sprachrohr der Neuen Rechten, in einem Grenzbereich zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus wildernd… Meine Spannung stieg, was ein solches Medium zum Thema Minimalismus zu sagen hat!

„Minimalismus als Systemstrategie“. Geht es nach dem Autor Claus Wolfschlag sind Minimalisten lediglich ahnungslose Marionetten, die sich vor den Karren „jener globalen Eliten, die keinesfalls auf Besitz und Luxus zu verzichten gedenken“, spannen lassen. Alle Minimalisten also arme Unwissende, die von einer dubiosen weltumspannenden Macht zu freiwilligem Verzicht verführt werden? Für eine – Zitat – „fürwahr neokommunistische Zukunft, mit einer kleinen Elite, die sich in ihren Villen an Kaliforniens oder Arabiens Küste die nächsten hippen Trends zu unserem und dem eigenen Wohl ausdenkt“? Minimalismus als „Teil der Beruhigungsstrategie des ökonomischen Systems“, gegen das der Minimalist kein „echtes Widerstands-Potential mehr besitzt“?

Sehr unangenehme Assoziationen zu verquasten Weltverschwörungstheorien unserer jüngsten Vergangenheit drängen sich mir auf.  Wer diese „Eliten“ sein sollen, bleibt natürlich offen. Aber die Schuldigen für diese Entwicklung sind schnell erkannt: Der „produktive Mittelstand […] wird finanziell ausgepresst werden, um die Kosten für EU-Zentralisierung und Einwanderungsgesellschaft bewältigen zu können.“ Ach ja, und die „Folgen der Globalisierung“ sind als diffuses Feindbild natürlich auch nicht zu vergessen!

Minimalismus das neue Opium fürs Volk? Ich bin schockiert: Geschickt wird hier eine rechtskonservativ-nationale Stammtischideologie unters Volk gebracht, getarnt als auf den ersten Blick harmlos wirkender Debattenbeitrag zu einem aktuellen Gesellschaftsphänomen.

Alle Zitate sind dem Originalartikel entnommen, aufgerufen am 17.01.2014.

6 Kommentare

  1. Danke, dass Du das Thema aufgreifst. Ich bin baff…

    Warum sollte Minimalismus neokommunistisch sein hat er doch PRIMÄR egoistische Motive? SEKUNDÄRE positive Nebeneffekte, die zufällig dem Allgemeinwohl dienen, sind wohl kaum anfängliche Motivationstreiber sich dem Minimalismus zuzuwenden.

    So wird IMHO eine individuell bereichernde Sache instrumentalisiert, um den Kapitalismus in ein besseres Licht zu stellen. *grummel*

    • Genau das finde ich auch das Perfide an diesem Artikel. Zuerst geht der Autor scheinheilig auf mögliche Vorzüge eines minimalistischen Lebensprinzips ein, um dann eindringlich vor den angeblichen „Schattenseiten“ zu warnen. Und in diese Warnung werden alle möglichen rechtskonservativen Ressentiments eingeflochten – gegen die EU, gegen Einwanderung, gegen das „Kalkül des internationalen Kapitals“, gegen die Kalifornier (wer auch immer damit verunglimpft werden sollte) und gegen die Araber. Alles völlig unbegründete und diffuse Thesen, diese aber umso pathetischer vorgetragen…

  2. Ich glaube, ich möchte den zitierten Artikel gar nicht lesen. Ich habe die Vermutung, dass der Autor Minimalismus (absichtlich?) mit Hipsterismus verwechselt.

    Für mich bedeutet Minimalismus jedenfalls vor allem: Besitze (nur) das, was du wirklich brauchst. Das ist recht individuell und eben genau nicht einer (vorgegebenen) Mode entsprechend.

  3. Felix sagt

    Leider kann ich die Verwunderung von Herrn M21er über den Artikel nicht ganz nachvollziehen. Die gesamte politische Rechte, und damit meine ich jede Person die man mit diesem Begriff assoziieren kann, hat sich schon immer über ihren Besitzstand definiert. Das ist in diesem Spektrum ein sehr wichtiges Identitätsmerkmal.

  4. Das war lustig. Ich sehe schon förmlich die 15 qm Wohncontainer wie sie sich in die Höhe stapeln und die Sonne verdecken und in jedem sitzt ein Minimalist, ferngesteuert durch die Neokommunisten. Herrlich. Und ich habe mich immer gefragt wer mich da seit Jahren fremd steuert. Es war also Werner Tiki Neokommunist. Naja, das ist schon alles ein ganz großer Quatsch. Wobei, mal ehrlich: Die Kalifornier! Die waren uns doch schon immer verdächtig. 😉

    • …ja, genau, die verkifften Alt-Hippies aus Kalifornien… oder doch die Nerds aus dem Silicon Valley… aber wollen die ihre Technik-Gimmicks nicht verkaufen? Irgendwie undurchschaubar diese minimalistische Weltverschwörung!
      Aber Du hast recht, man muss es einfach als das nehmen, was es ist: ein ganz großer Quatsch!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.