Arbeit & Karriere
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Minimalismus leben. Konsumfalle Kostenloskultur

Ich habe „Nein“ gesagt. Zu Dingen, die ich nicht brauche. Zu Events, die mein Leben nicht bereichern. Alle hatten eine (verlockende) Sache gemeinsam: Sie waren sehr günstig bis kostenlos. Doch bekanntlich gibt es im Leben nichts umsonst, weil jede Medaille am Ende zwei Seiten hat. Weil wir am Ende immer mit irgendetwas bezahlen: mit Daten, mit Müll, mit dem Preis für Pflege und/oder Entsorgung uvm. Drei Beispiele aus den vergangenen Wochen.

1. Du bist, was Du trinkst
Meine Firma hat einen neuen Anstrich bekommen, ein neues Branding, eine neue Dachmarke. Dieser sog. „Change Prozess“ wurde und wird von verschiedenen Maßnahmen begleitet, darunter der Einsatz bestimmter Unternehmensfarben. Die visuelle Identität und Stringenz ist ein wichtiger Teil von Corporate Identity und Corporate Design. Und spiegelt sich im besten Fall auch in entsprechenden Merchandising-Produkten wieder. In meinem Fall war das eine Trinkflasche in den beiden Primärfarben der Company. Sie wurde kostenlos an alle Mitarbeiter verteilt. Eigentlich eine schöne Idee, die von Wertschätzung und Ideenreichtum zeugt und die Firmenidentität unmittelbar erlebbar macht. Allerdings hatte die Sache einen dicken Haken. Zumindest für mich. Die Flasche bestand aus günstigem Kunststoff, einem Material, das viele Verbraucher mit geringem Gewicht, Bruchsicherheit und einfacher Handhabung in Verbindung bringen. Leider rücken die Schattenseiten bei der Verwendung von Plastikflaschen oftmals in den Hintergrund. Trinkgefäße dieser Art scheiden verschiedene Stoffe aus, die unmittelbar ins Wasser und damit in den Körper des Konsumenten gelangen. Von dem ökologischen Desaster, das dieser synthetisch hergestellte Stoff mit sich bringt, ganz zu schweigen.
Dennoch haben sich viele Kolleginnen und Kollegen wie die – sorry for that – sprichwörtlichen Geier auf das kostenlose Angebot gestürzt. Ein Kommentar: „Ob ich mir auch zwei nehmen kann?“ Worauf ich erwiderte: „Nimm meins, ich nehme keins!“ Welche Frage ich mir in diesem Zusammenhang stelle: Hätten die Flaschen den gleichen reißenden Absatz gefunden, wenn dafür ein Entgelt zu entrichten gewesen wäre? Rührt das Attribut „kostenlos“ derart an unseren menschlichen (Ur-)Instinkten, dass wir nicht mehr zwischen Needs und Wants unterscheiden können, also zwischen dem, was wir wirklich brauchen und dem, was wir einfach nur HABEN WOLLEN??? Fest steht: Der Großteil der gebrandeten Flüssigkeitsbehälter verschwand bereits nach kurzer Zeit sukzessive von der Bürofläche. Was u.a. daran lag, dass selbige nicht die Eigenschaft „spülmaschinenfest“ besaßen und nach einer heißen Runde im „cleanischen“ Durchlauferhitzer zu einem undefinierbaren Klumpen zusammengeschmolzen waren. Für mich ein Grund mehr, unüberlegte (Werbe-)Geschenke immer und grundsätzlich in Frage zu stellen.

Digital Detox: Der Content der alten Disketten wird gesichert

2. Digitales Entrümpeln
Wo wir schon beim Thema Arbeitgeber sind: Es hat eindeutige Vorteile, in einem Technikunternehmen zu arbeiten. Schon lange wollte ich meine restlichen Disketten sortieren, wichtige Dokumente sichern und die überflüssigen Datenträger entsorgen. Dumm nur, dass der aktuelle Laptop von Herrn M21er und mir kein entsprechendes Laufwerk mehr hat. Ein externes Lesegerät musste also her. Eigentlich kein Problem, denn sämtliche Versandriesen dieser Welt und lokale Elektronikfachgeschäfte haben dieses Produkt im Angebot. Und zwar für umme. Für schlappe 10 Euro lassen sich digitale Restbestände von einem Saurier-Rechner auf ein modernes Endgerät transferieren. Warum also nicht kaufen? Nun, weil der Prozess der Datenübertragung in unserem Hause endlich ist. Das heißt: Sobald wir den Content vollständig gesichert haben, hat das externe Lesegerät seinen Dienst getan. Und schlummert als würdiger Krempelersatz anstelle der Disketten in unseren Schubladen. Nicht gerade eine nachhaltige Win-win-Situation. Dennoch hat meine Entscheidung gegen ein „Das-kostet-doch-nur-10-Euro-Gerät“ vereinzelt Verwunderung ausgelöst. Billig, einfach und schnell verfügbar wirkt offenbar ähnlich verlockend wie die Eigenschaft kostenlos in Sachen Konsum. Am Ende hat mir ein netter Kollege ein altes Laufwerk geliehen, das uns perfekte Dienste erwiesen hat. Und unseren Haushalt nach getaner Arbeit ohne „duplicated content“ und unnötige Ressourcenverschwendung wieder verlassen konnte.

3. #MoreMoments nicht um jeden Preis
Auch der dritte Punkt hat etwas mit unseren Jobs zu tun. Als Schulmeister – wie sich der Herr M21er selbst bezeichnet – darf er regelmäßig umsonst ins Kino gehen. Der Münchner Mathäser Filmpalast lädt zu sog. „Lehrermatineen“, also der Vorführung von Filmen, die für Schüler relevant und interessant sein könnten. Eine Begleitperson inklusive. Wer gerne von großer Leinwand unterhalten wird, ist hier genau richtig. Wer lieber schöne Momente und damit #MoreMoments als Dinge sammelt, auch. Doch selbst in diesem Bereich verführt der Eintritt for free dazu, unkritisch zu werden und Zeit in Erlebnisse sowie Unterhaltung zu investieren, die im Falle einer Gebührenpflicht… na, Ihr wisst schon. Von Achtsamkeit keine Spur mehr.

Darum prüfe, wer kostenlose bzw. günstige Angebot konsumieren möchte, kritisch, ob die Motivation wirklich intrinsisch motiviert ist. Vier Stunden Lebenszeit in einen mäßigen Film samt An- und Abreise zu investieren ist sonst im wahrsten Sinne des Wortes umsonst gewesen.

5 Kommentare

  1. nadine sagt

    Wie wahr! Da denke ich an die Menschen, die bei Ikea zig kostenlose Mini-Bleistifte mitnehmen oder bei Messen überall die Kugelschreiber einsammeln. Scheinbar werden da irgendwelche alten Instinkte wach…

    • M21

      Ja, davon bin ich sogar fest überzeugt!

      Wahrscheinlich lässt sich das evolutionstechnisch auch gut erklären:
      Horten und Sammeln, was das Zeug geht – um zu überleben. Heute müssen wir uns das wohl in gewisser Hinsicht abtrainieren ;-).

      LG
      M21

  2. Das ist wirklich ein Phänomen, dieses mitnehmen weil kostet ja nix/wenig. Da wird nicht nachgedacht ob es wirklich gebraucht wird.
    Bei mir landet immer eine Packung Papiertaschentücher aus der Apotheke die schiebt die Apothekerin immer mit den gekauften Medikamenten über den Tresen, bisher hab ich die immer brav eingepackt und dann an meine Schwiegermutter weiter gegeben, weil ich die Tücher nicht mag. So werden sie zwar benutzt aber völlig dumm von mir sie überhaupt mitzunehmen und nicht einfach Dankend abzulehnen Würde die Apothekerin sagen die kostet 10 Cent würd ich sie Garantiert nicht mitnehmen
    Ich stell mal einfach die Entschuldigung in den Raum:“Der Mensch ist halt Jäger und Sammler.“ Oder auch anders gesagt, das ist ein übrig gebliebener Urinstinkt

    Noch einen schönen Abend für euch
    Lg Aurelia

    • M21

      Liebe Aurelia,

      das mit der Apotheke ist ein typisches Beispiel. Taschentücher finde ich sogar noch ganz sinnvoll bzw. brauchbar. Bei schlecht klebenden Pflastern, hässlichen Kalendern und Co. hört der Spaß aber endgültig auf.

      Und ja, wie ich auch schon geschrieben habe: Das ist bestimmt ein Urinstinkt, der uns zu früheren Epochen das Überleben gesichert hat; in Zeiten des Überflusses aber zum Teil selbst überflüssig geworden ist.

      Gute Woche und herzliche Grüße
      M21

      • *lach… ja Kalender und Plaster und Co. da bin ich schon weiter und lehne Dankend ab nur die doofen Taschentücher die schaffen es noch

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