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Von der Kunst, Yoga & Achtsamkeit im Alltag zu leben

Wer kennt das nicht? Nur noch kurz die Welt retten und noch 148 Mails checken. In der (analogen) Gegenwart anzukommen, fällt vielen Menschen ziemlich schwer. „Unser Kopf ist voll mit allem, was noch getan werden muss, was bereits geschehen ist, voll mit Projektionen in die Zukunft, voll mit Groll und/oder Bedauern ob der Vergangenheit“, weiß Inga Heckmann. Mit ihrem Buch Von der Kunst Yoga & Achtsamkeit im Alltag zu leben möchte die Autorin für eine dauerhafte Entschleunigung in Job und Freizeit sorgen. Und dem Geist ein Ruhekissen im Hier und Jetzt geben.

Achtsamkeit ist der Boden, auf dem Yoga gedeiht (Ganesh Mohan)
Die größte Herausforderung – das wird schnell klar – besteht darin, diesen Wandel dauerhaft herbeizuführen und nachhaltig in den eigenen Alltag zu integrieren. Der entsprechende Imperativ ans Ich könnte also lauten: Tausche Deinen Alltagsstress gegen die Mindfulness des Augenblicks. Doch genau da liegt der Schweinehund begraben. Beziehungsweise einer von vielen. Schon der Gedanke ans Innehalten löst bei einigen Zeitgenossen regelrechte Panik aus. Das haben wissenschaftliche Untersuchungen bewiesen. Die optische und akustische Stopptaste zu drücken, Smartphone und Internet auszuschalten, geistig und körperlich offline zu gehen, erweisen sich scheinbar als unmöglich. Ebenso die Bereitschaft, sich auf die Methoden Achtsamkeit, Meditation und Yoga einzulassen, obwohl diese – auch das zeigen Studien – eine positive Wirkung auf unser Gehirn haben. Ein „Superyogi“ muss man dafür nicht werden. Ein bisschen konsequent und motiviert schon.

Einatmen, ausatmen, Beine und Seele baumeln lassen. Für viele Menschen mittlerweile eine Herausforderung

Ein möglicher Anfang kann sein, die Atmung am Arbeitsplatz zu verändern und den Bürostuhl als Übungsgerät für zwischendurch einzusetzen. Einfache Anleitungen dafür findet man im Buch genug, alle ausführlich erklärt mit illustrierenden Beispielen. Die sind nicht unbedingt neu oder revolutionär, zeigen aber, dass wir selbst die einfachen Dinge im Leben oft genug massiv vernachlässigen, uns selbst nicht mehr spüren oder erst dann, wenn Seele und Körper schmerzhaft auf sich aufmerksam machen. Heckmann setzt dieser Tendenz ein „Lebenskünstlerisch durch den Tag“ entgegen, bei dem wir Bewegungslosigkeit und Komfortzone verlassen und mit simplen Strategien starten sollen; etwa ein Post-it am PC als Erinnerungshilfe für ein kurzes Aufstehen, Recken und Strecken. Eine Gehmeditation beim Nachhauseweg. Denn die eigentliche Achtsamkeit beginnt genau HIER.

Autorin Inga Heckmann. © Marcella Merk Photography, München

Alles ist gleich-gültig
Genauso wichtig wie die körperliche Seite ist der Umgang mit Gefühlen und Gedanken. Wer es schafft, adäquat und relativ relaxt auf schwierige Situationen zu reagieren, erhält seine seelische Gesundheit. Und besitzt überdies eine Fähigkeit, die in der modernen Psychologie als Resilienz bezeichnet wird.
Die Wirkung der Meditation auf diese Eigenschaft gilt als unbestritten. Die ärztlich geprüfte Yogalehrerin Heckmann empfiehlt, die kontemplative Versenkung möglichst in einer aufgeräumten Umgebung durchzuführen. Das dürfte besonders Ordnungsliebhaber und Minimalisten freuen sowie diejenigen, die das Äußere als Spiegel des Inneren betrachten. Frei nach dem Motto: Zeige mir, wie Du wohnst. Und ich sage Dir, wer/wie Du bist.

Wer loslassen kann, schafft (Frei-)Raum für Neues. Nicht nur in den heimischen vier Wänden. Besonders zwischen einzelnen Gedanken nehmen wir auf einmal etwas Heilsames wahr: die Stille. Unser Gehirn kann entspannen, das Nervensystem herunterfahren. Um eventuelle Leistungsgedanken auf der Matte geht es in diesem Ratgeber also nicht. Das Buch übt im personifizierten Sinne keinen Druck auf seine Leser aus, sondern nimmt sanft an der Hand, ist warmherzig in Text und Optik. Allein die türkis-goldene Gestaltung des Covers zahlt positiv auf unser limbisches System (das emotionale Gehirn) ein und strahlt u.a. Wärme und Gesundheit aus. Eine kluge visuelle Gestaltung des Irisiana Verlages, der die Erstauflage des Titels 2015 publiziert hat.

Das Smartphone als Achtsamkeits-Helfer. Apps wie Relax Melodies machen es möglich

Warum dieses Buch auch ein Buch über Minimalismus ist
Wer die rund 160 Seiten mit Bedacht gelesen hat, stellt fest: Achtsamkeit hat auch ihre Schattenseiten, weil sie Realität bedeutet und weil sie nach sich zieht, dass wir die Dinge vollkommen ungefiltert betrachten. Das heißt so, wie sie sind. Die rosa Brille müssen wir also hin und wieder abnehmen. Achtsamkeit und Minimalismus können uns früher oder später auf uns selbst zurückwerfen. Mit allen Konsequenzen. Die erhöhte Aufmerksamkeit, das Aushalten von Freiraum und Leere sind nicht immer und für jedermann (gleich) zu ertragen. Selbstbeherrschung und Mäßigung („Brahmacharya“) ebenso wenig: „Nicht gierig sein, über die Grenzen der Vernunft und des eigenen Körpers hinaus essen, Geld, Sex, Klamotten etc. haben wollen.“ Nur ein mögliches Thema, das nach Heckmann zum Üben für die tägliche Portion Achtsamkeit einlädt. Für alle Digital Natives sei gesagt: Dies funktioniert gleichermaßen mit entsprechenden Apps. Eine umfangreiche Liste am Ende der Lektüre enthält zahlreiche Tipps zum Weiterlesen und -praktizieren – Online und Print. Ihr könnt also aufatmen.

Kostenloser Meditation Timer: Meditation mit digitalem Gongschlag

Der Yogi in mir
Als Yogaanfänger oder einfach als blutiger Laie muss ich feststellen: Dehnen, Strecken, Halten will gelernt sein. Die Leichtigkeit des Buches hat es körperlich faustdick hinter den Ohren. Wer glaubt, auf dem heimischen Wohnzimmerteppich erfolgreich „losturnen“ zu können, der irrt. Eine entsprechende Matte ist als Grundausstattung Pflicht, will man von Katze und Kuh nicht unfreiwillig auf Hängebauchschwein rutschen. Sinnvoll erscheint mir zudem, die eine oder andere Kurseinheit als Starter unter professioneller Aufsicht in einem Studio zu beginnen, um Haltungsschäden aller Art zu vermeiden. Wer nicht mit einem Auge auf die Seiten schielen möchte, muss zumindest einen Teil der Übungen vorab genau studieren und/oder auf Band sprechen.

Und was hält Dich jetzt noch ab?

Für das Rezensionsexemplar bedanken wir uns beim Irisiana Verlag:

Inga Heckmann: Von der Kunst, Yoga & Achtsamkeit im Alltag zu leben. Irisiana, München 2015 (16,99 Euro)

4 Kommentare

  1. Hallo Herr und Frau M21! Was für eine wunderbare Buchvorstellung – gleichermaßen ernsthaft, wie humorvoll und natürlich herzlichen Dank fürs Verlinken und Erwähnen.
    Ja es ist auch meine Erfahrung_ Achtsamkeit und Minimalismus sind absolut Rosa-Brillen-ungeeignet und können uns auf uns selbst zurück werfen. Unter all dem entrümpelten Kram krabbelt plötzlich das eigene Ich hervor und in Achtsamkeitsübungen äußerlich still werdend, spielt das Kopfkino plötzlich verrückt und dreht einen inneren Film mach dem anderen. Aber das ist nicht einmal tragisch und bietet uns auch die Möglichkeit anders mit uns und unserer Umwelt umzugehen. Ich habe nicht zuletzt als allerwichtigstes gelernt, freundlicher und rücksichtsvoller mir selbst gegenüber zu sein und mich nicht einmal von irgendwelchen Kopfkino-Filmen aus der Fassung bringen zu lassen. Und das ist einfach nur Klasse!

    • M21
      M21 sagt

      Liebe Gabi,

      vielen Dank für Dein Feedback!
      Da Du Expertin auf dem Gebiet und zum Thema bist, freut uns das natürlich besonders.

      Freundlicher und rücksichtsvoller mit sich selbst zu sein, daran scheitert das eigene Ich zu gerne. Ist es nicht seltsam, dass man die eigene Person manchmal schlechter behandelt, sich negativer bewertet, als man das beim Gegenüber tun würde bzw. als es das Gegenüber tun würde?

      Die menschliche Spezies ist nicht immer leicht zu verstehen ;-).

      Herzlichst
      M21

  2. lubo unterwegs sagt

    Und was hält Dich jetzt noch ab?

    Wovon? 😉

    Achtsamkeit kann man auch ohne Yoga in den Alltag bringen. Das sollte man unbedingt trennen, um nicht beides direkt zu verwerfen, obwohl man vielleicht nur keine Lust auf den sportlichen Teil hat. Das Wort „Achtsamkeit“ ist aber etwas holprig. Ich würde es eher „bewußte Entscheidungen“ nennen.

    Viele Entscheidungen im Alltag führt man unbemerkt aus. Wenn man sich diese bewusst wird, hinterfragt und den Ursprung erkundet, wird sich zwangsläufig einiges ändern – zum Positiven, zum Wohlfühlen und zufrieden sein.

    • M21
      M21 sagt

      Na hoffentlich nicht vom Kommentieren ;-)!

      Ja, Du hast recht: Das eine funktioniert tatsächlich ohne das andere.
      In ihrem Buch führt die Autorin jedoch beides geschickt zusammen.
      Ich mag auch den englischen Begriff für Achtsamkeit: „Mindfulness“ trifft es sehr gut.

      Egal, wie man es benennen möchte: Mehr Bewusst-sein im Alltag für sich und seine Bedürfnisse führen auf Dauer auf etlichen Gebieten zu positiven Änderungen.
      Auch wenn der Weg und der Mut dafür bzw. dahin nicht zu unterschätzen sind.

      Viele Grüße
      M21

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