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#MoreMoments 9: Aussteigerleben auf der Edermühle

Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt – die meisten Menschen existieren nur.
(Oscar Wilde)

Steffi und Christian kennen dieses Gefühl nur zu gut, das der irische Schriftsteller Oscar Wilde schon im 19. Jahrhundert in Worte zu fassen suchte: Ostern 2011 hat sie gerade einen mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt sowie einen „klassischen Pflichtenalltag“ mit verschiedenen Ausbildungs- und Anstellungsverhältnissen hinter sich. 2011 befindet er sich nach einer langjährigen Hauptrolle in der Daily Soap „Marienhof“ und dem Tod seiner Mutter in einer schweren Sinnkrise. Zu diesem Zeitpunkt kreuzen sich ihre Wege zufällig durch einen Telefonanruf; irgendwo zwischen Österreich und Sachsen-Anhalt. Schnell wird beiden klar: Wir sehen die Welt mit denselben Augen und haben ein gemeinsames Ziel – ein Haus auf dem Land, fernab von den Großstädten Wien und München, wo sie zuletzt gelebt hatten.

Mehr als grüne Wiese: Steffi und Christian bieten Gästen auf der Edermühle ein vielfältiges Naturerlebnis an

Nach einigen Zwischenstationen im Salzburger Land verschlägt es das junge Paar 2015 schließlich in die Gemeinde Bad Großpertholz im niederösterreichischen Waldviertel . Hier nehmen sie die sog. „Edermühle“ in Besitz, ein malerisches Anwesen aus dem 17. Jahrhundert mit etwa 1,8 Hektar Grund und zwei Fischteichen. Mit „viel Freude, Tränen, Schweiß, Herzblut, Höhen und Tiefen sowie sehr viel Zeit“ haben die Ex-Münchner den alten Vierkanthof renoviert und für jedermann erlebbar gemacht, inklusive Kreativtagen oder Urlaub im Mini-Bungalow.

Von der Tretmühle zur Edermühle

Über ihre Erlebnisse schreiben Steffi und Christian regelmäßig auf ihrer Webseite und in ihrem Newsletter, u.a. zur Frage, „wie es sich denn so auf’m Land lebt“. Christians Fazit: „Man hatte uns vor dem schrecklichen Landleben regelrecht gewarnt – weit und breit keine Geschäfte, Ärzte und Kulinarik, alles nur mit dem Auto erreichbar, keine Jobs, Vereinsamung, dieses rück- und engstirnige Landvolk, keine Kultur und überhaupt alles ganz, ganz, gaaaaanz schrecklich. Ach ja, und ohne Verein geht gar nix! Was soll ich sagen – sie hatten recht und zwar mit allem!“ Die ganze „Bilanz“ des Landlebens angereichert mit einer gehörigen Portion Selbstironie könnt Ihr direkt auf der Webseite der Edermühle nachlesen.

Uns hat Christian in einem Gastbeitrag verraten, was sein „neues“ Leben fernab von „Bussi-Bussi-Partys“ aus seiner Schauspieler-Zeit eigentlich mit Minimalismus zu tun hat. Schonungslos offen.

Nackte Zahlen und ein Plädoyer fürs minimalistische Landleben
Minimalismus bedeutet auch, sich wieder auf wesentliche Dinge zu konzentrieren. Und was könnte wesentlicher als die Natur sein? Wir kommen trotz eines Vierkanthofs mit 18.000 m² Grund, zwei Forellenteichen und einem nicht gerade kleinen Tierbestand mit weniger Geld aus als in einer Drei-Zimmerwohnung bei München.

  1. Inklusive Vollsanierung hat der Mühlenhof in etwa 190.000 Euro weniger gekostet als die genannte Wohnung. Natürlich werden jetzt Äpfel mit Birnen verglichen. Denn wenn wir mit einer Drei-Zimmerwohnung bei uns in der Gegend rechnen würden, dann wären wir bei einem Preisunterschied von über 400.000 Euro (wohlgemerkt ohne Kreditzinsen). Bei einem ähnlichen Hof wie unserem lägen wir bei einem Radius von ca. 50 Kilometern rund um München bereits bei einem Kaufpreis von rund zwei Millionen Euro. Den entsprechenden Job in der Stadt muss man erst einmal haben, um die Differenz zu erwirtschaften.
  2. Wenn man hier zu zweit zum Essen geht, dann zahlt man beispielsweise bei Sushi nur die Hälfte des Preises gegenüber einem entsprechenden Lokal in München. Die Qualität ist bei uns aber dieselbe. Bei anderen Lokalitäten sieht es ähnlich aus.
  3. Wir fahren keinen BMW 1er mehr, der in der Anschaffung mit ca. 26.000 Euro zu Buche schlägt, sondern einen Dacia Dokker Van, der für ca. 8.000 Euro neu zu haben ist; von günstigeren Servicekosten ganz zu schweigen. Meine Erfahrung: Natürlich kann man auch in der Stadt ein günstigeres Auto fahren. Aber zu einem Geschäftstermin in München mit einem Dacia zu kommen ist trotzdem etwas anderes als auf dem Land. Deswegen gibt‘s vermutlich auch eher weniger Dacias in München.
  4. Als Selbständige brauchen wir im Gegensatz zu München keinen Kleiderschrank mehr, der ausschließlich aus Markenklamotten besteht und sich jedes Frühjahr dem neuen Modetrend anpassen muss. Nein, auf dem Land zählt dann doch eher die Persönlichkeit, das Menschliche, und es reicht aus, „normal“ und ordentlich angezogen zu sein. Wenn ich daran denke, wie viel ich zu meinen Münchner Zeiten für Kleidung ausgegeben habe, dann wird mir fast schlecht: Umgerechnet habe ich da bestimmt die eine oder andere Schafherde verbummelt… Auch wenn Steffi und ich es nicht verlernt haben, uns schick anzuziehen, so hat Kleidung bei uns doch wieder eher eine „gebrauchsgegenständliche“ und somit ursprünglichere Funktion bekommen.
  5. Auf dem Land trifft man sich nicht auf der Leopoldstraße auf einen Cappuccino für 3,50 Euro oder einen Mittagshappen für 15 Euro, sondern direkt zu Hause. Aufs Jahr gerechnet macht das einiges aus – der Spaßfaktor ist jedoch exakt derselbe, wohlgemerkt.
  6. Steffi und ich teilen uns ein Handy. In der Stadt würde man uns für verrückt erklären oder zumindest für ein Paar halten, das nur im Partnerlook auftritt. Auf dem Land ist das ziemlich normal.
  7. Einen Fernseher haben wir nicht; wie viele Minimalisten in der Stadt vermutlich auch. Aber abgesehen davon, dass man in Österreich dann keine GEZ (GIS) zahlen muss, ist es auf dem Land leichter, sich anderweitig zu beschäftigen als in der nicht ganz billigen City.
  8. Stichwort „Nahrungsmittel. Hier konzentrieren wir uns einfach wieder auf das Wesentliche. Die einheimische Qualität ist unschlagbar. Selbst wenn wir auf dem Hof zwei bis drei Stunden arbeiten müssen anstelle einer Stunde im Büro, um uns diese Qualität kaufen zu können, so ist die Arbeit auf dem Hof greifbarer und befriedigender. Gleichzeitig benötigen wir durch die Produkte, die wir selbst am Hof erwirtschaften, weniger Geld für Lebensmittel.
  9. Klar kann man heute fast alles im Internet kaufen. Aber es macht doch einen Unterschied, ob beim Verlassen des Hauses 1.000 Konsummöglichkeiten auf mich einschlagen oder nicht. Wenn wir meinen Vater in München besuchen, merken wir diesen Unterschied zur Stadt besonders stark. Es scheint, als schreie einen der Konsum förmlich an.

Natur (er-)leben: Steffi mit Neuzugang Antonio (u.r.). Screenshot vom Instagram-Account @ edermuehle

Fazit
Lange Rede kurzer Sinn: Minimalismus kann auch bedeuten, im ersten Schritt auf den Status „Stadt“ zu verzichten. Diesen Status zahlst Du – ob Du willst oder nicht – allein bei Deinem Dach über dem Kopf doppelt und dreifach mit. Selbst wenn Minimalismus so radikal ausgelegt wird, dass man auf alles verzichtet, was man nicht unbedingt braucht (also auch auf einen Vierkanthof namens Edermühle), dann scheint dennoch das Landleben nach Betrachtung der emotionslosen Zahlen als erste Priorität übrigzubleiben. Der größte Kostenfaktor in der heutigen Zeit ist traurigerweise das Dach über dem Kopf. Und dabei spielt es keine Rolle, ob es eine WG, ein Appartement, eine Wohnung oder am Ende ein Haus ist. Wenn man Minimalismus etwas liberaler auslegt und ihn im ersten Schritt „nur“ mit mehr Lebensqualität verbindet, so sollte ein Leben auf dem Land meiner Meinung und Erfahrung nach erst recht in Erwägung gezogen werden.

Unbestritten ist aber natürlich auch, dass Lebensqualität für jeden etwas anderes bedeutet.

Lieber Christian, wir sagen herzlichen Dank für Deinen Gastbeitrag! Alle Abbildungen © privat.

Wer Steffi und Christian auf ihrem Weg begleiten will, bitte hier entlang: www.edermühle.at.

More Moments.
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#MoreMoments. Was wirklich wertvoll ist im Leben. Die aktuelle Blogserie auf Minimalismus21. Alle (vorherigen) Teile der Serie findet ihr unter dem Suchbegriff #MoreMoments rechts oben (Lupe) und natürlich bei Twitter. Zu Teil 1 und Teil 2 sowie zu Teil 3, Teil 4, Teil 5 und Teil 6, Teil 7 sowie Teil 8.

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