Alle Artikel mit dem Schlagwort: Zeitwohlstand

Minimalismus, jetzt

Ich weiß nicht, ob die Sonne an diesem Morgen heller leuchtete. Die Vögel lauter sangen. Die Menschen fröhlicher wirkten. Ich vermag nicht zu sagen, ob meine persönliche Wahrnehmung auf positiven Autofokus umgeschaltet hatte. Wahrscheinlich ist, dass ich tatsächlich mit aller Macht versuchte, die negativen Gedanken zu verdrängen. Denn vor einiger Zeit hatte ich das Schicksal herausgefordert. Ihm direkt ins Gesicht gesehen und festgestellt, ich könnte gehen. Ja, es wäre nicht mehr so schlimm, wenn es ab sofort aus und vorbei wäre, die Reise zu Ende, der Weg beschritten. Denn mein Minimalismus und ich, wir haben auf vieles verzichtet, um uns vieles zu erfüllen. So viel, dass immer noch genug Neugierde und Erwartung offen sind. So viel, dass „Wenn dann“ und „Hätte“ auf ein erträgliches Maß schrumpfen konnten. Für einige meiner Mitmenschen stellen sich diese Überlegungen seit dem vergangenen Jahr allerdings schon nicht mehr. Sie mussten gehen oder wollten. Wobei das „Wollten“ am schwierigsten zu begreifen ist. Denn etwas zu wollen setzt eine Freiwilligkeit voraus. Und die scheint medizinisch betrachtet höchst fragwürdig zu sein, wenn tiefe …

Nachlese: Hygge No 1

Irgendwann hat sich ein neuer Begriff in meinen Kopf breitgemacht: Hygge. Ich kann gar nicht mehr sagen, wann ich zum ersten Mal darüber gestolpert bin. Vermutlich auf Instagram. Auf einem der zahlreichen Bilder, die Wohlfühlmomente mit einfachen Dingen in gemütlich-geborgener Atmosphäre versprechen. Zugegeben: Ich fand das zunächst etwas albern. Ein weiteres Buzzword, das aus dem Dänischen bzw. Norwegischen in unsere Breitengrade geschwappt und wie geschaffen für romantisch-verklärte Bloggerwoohoos ist: gemütlich, angenehm, nett, gut. So die wörtliche Bedeutung des Adjektivs, das ein Lebensgefühl zu transportieren verspricht, ein Gegenstück zur fortschreitenden Digitalisierung der Gesellschaft und zu ihrer Beschleunigung. Aus Minimalismus-Sicht bin ich bei neuen „Trends“ stets etwas kritisch, weil naturgemäß die Kommerzialisierung derselben meist nur eine Frage der Zeit ist. Aus Rezensions-Sicht pflege ich jedoch eine unvoreingenommene, neutrale Perspektive. Und aus beruflicher Sicht weiß ich, wie hart umkämpft der Printmarkt im digitalen Zeitalter geworden ist und warum guter Content kosten darf und muss. Egal, ob auf Papier oder im Netz. Hygge No 1: Ein Sommer mit Freunden Im Fall des neuen Hygge-Magazins aus der Verlagsgruppe Deutsche Medien-Manufaktur …

Nachlese: Adieu, Wachstum! (Norbert Nicoll)

Wir schreiben das Jahr 1900. An der Schwelle zum 20. Jahrhundert besaß der mitteleuropäische Haushalt durchschnittlich 400 Gegenstände. Eine traumhafte Vorstellung für viele „moderne“ Minimalisten. Ein Alptraum für die Wirtschaft. Denn sie trichtert den Menschen nur ein Ziel ein: Nicht mit dem Kaufen aufhören. Um diese Maschinerie am Laufen zu halten, forciert die Industrie ein perfides Wechselspiel aus geplanter Obsoleszenz, Krediten und Werbung. Und das äußerst erfolgreich. In den Industriestaaten scheint der Konsum von Wohlstandsballast kein Ende zu kennen, obwohl 80 Prozent aller erworbenen Güter lediglich einmal ge- bzw. benutzt werden. Das hat massive Auswirkungen auf Gegenwart und Zukunft. Denn ein dauerhaftes exponentielles Wachstum ist auf einem endlichen Planeten unmöglich. Für unser kapitalistisches System bedeutet das: Mit Wachstum gehen wir unter den gegebenen Bedingungen zugrunde, ohne Wachstum aber auch. Warum das so ist, hat Norbert Nicoll in seiner interdisziplinären Darstellung Adieu, Wachstum! Das Ende einer Erfolgsgeschichte umfassend dargestellt. Eine interdisziplinäre Geschichte der kapitalistischen Wachstumsidee Geologie, Geschichte, Ökologie, Ökonomie, Politik, Soziologie: Der promovierte Politikwissenschaftler Nicoll nimmt den Leser mit auf eine Reise, die den Homo Sapiens …