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Leben in der Vergeudungsökonomie

Vielleicht war sie beim Schleudern über die Jahre etwas lauter geworden. Vielleicht wollten wir die Zeichen der Zeit nicht sehen. Tage zuvor wusch sie noch klaglos unsere Wäsche, ohne Anzeichen von Abnutzung. Und dann, von einer Ladung zur anderen – nichts mehr! Stattdessen blinkte ein großes „E“ für Error. Kein Programm ließ sich mehr starten. Unsere knapp zehn Jahre alte Waschmaschine einfach kaputt?

Nach einem kurzen Telefonat mit dem Kundendienst kam rasch ein Servicetechniker. Aber geschraubt und repariert wurde nichts. Mitleidig blickte er auf die Maschine im Bad, erkundigte sich erstaunt nach dem Alter. Hoffnung mache er mir keine, sagte er, im Grunde lohnen sich Reparaturen bei solchen Geräten nicht. Da er aber nun einmal da sei, lese er wenigstens den Fehlercode aus: Motorendefekt, wohl ein Steuerungsmodul. Reparatur nicht lohnenswert. Unter uns gesagt, verkündete der Techniker, sparen Sie sich nächstes Mal den Service und kaufen Sie gleich eine neue Maschine. Mehr als zehn Jahre hält so ein Gerät nicht… Als technischer Laie zahlte ich ratlos die geforderte Pauschale.

Tags darauf machten wir uns auf den Weg zu den einschlägigen Elektrogroßhändlern. Als die neue Maschine geliefert und die alte entsorgt wurde, kamen wir ins Grübeln… Wie oft hatten wir in den letzten Jahren bereits den Spruch gehört „Eine Reparatur lohnt sich nicht, kaufen Sie sich ein neues Gerät“?

Konsumieren statt reparieren: Kaufen für die Müllhalde
Rasch stießen wir im Internet auf eine schlüssige Erklärung für unsere Beobachtungen: geplante Obsoleszenz. Dieses Zauberwort benennt den verborgenen Antrieb unserer Konsumgesellschaft: Da in unserer postkapitalistischen Welt die Wirtschaft einseitig auf Wachstum ausgerichtet ist, müssen wir konsumieren – und das um jeden Preis. Mit allen Mitteln werden künstlich neue Bedürfnisse nach immer neuen Geräten geschaffen. Die perfideste Waffe dabei ist die geplante Veralterung eines Produkts: Man konstruiert (technische) Gebrauchsgegenstände bewusst so, dass sie nach einer gewissen Zeit kaputtgehen. Dieser Gedanke prägt unser Wirtschaftssystem seit den 1920er Jahren, wie die im letzten Jahr ausgestrahlte Arte-Dokumentation „Kaufen für die Müllhalde“ eindrucksvoll zeigt.


Damals legte ein Kartell namhafter Hersteller die Lebensdauer von Glühbirnen auf rund 1000 Stunden fest. Doch spätestens seit der Entstehung der modernen Konsumgesellschaften in den 1950er Jahren arbeiten Ingenieure und Konstrukteure systematisch daran, die Lebensdauer ihrer Produkte zu verkürzen. Gerade in unserer hochtechnisierten Gegenwart ist es für die Industrie ein leichtes Spiel, die geplante Obsoleszenz mit entsprechender Elektronik umzusetzen. Im kritischen Blickwinkel der umfassend recherchierten Dokumentation: Moderne Kommunikationsgeräte eines namhaften amerikanischen Herstellers mit ihren fest verbauten Akkus sowie Hersteller von Druckern, deren Lebensdauer durch geschickte Programmierung der Steuerungschips vorgegeben ist.

Die Folgen unserer Wegwerfgesellschaft sind dramatisch: Brennende illegale Müllhalden in der Dritten Welt, auf denen die Ärmsten mit bloßen Händen wertvolle Metalle aus unserem Wohlstandsmüll „recyclen“. „Die Nachwelt wird uns das niemals verzeihen, diese Wegwerfmentalität in den reichen Ländern“  – besonders die Auskünfte des Umweltaktivisten Mike Anane aus Ghana machen sprachlos und tief betroffen. Leichthin werden die gesetzlichen Verbote solcher Müllexporte umgangen, indem ganze Schiffsladungen voll Elektroschrott als funktionsfähige „Gebrauchtwaren“ deklariert werden.

Reparieren lohnt sich doch
Diese Berge von Elektroschrott hatte ich vor Augen, als kürzlich mein knapp sieben Jahre altes Notebook den Geist aufgab. Der Bildschirm zeigte nur mehr wirre Muster. Im autorisieren Reparaturshop die erwartete Diagnose: Grafikkarte defekt, eine Krankheit dieser Baureihe, die Reparaturkosten übersteigen den Gegenwert des Geräts um ein Vielfaches. Warum das so sei? Leider wurde der Grafikchip fest auf das Mainboard montiert, weshalb die gesamte Platine getauscht werden müsse und das lohne sich nicht mehr…

Zum Glück gab mir der freundliche Mitarbeiter inoffiziell noch einen Tipp: Kaufen Sie sich doch ein gebrauchtes Motherboard und lassen es einbauen. Von dieser Option angeregt, recherchierte ich im Netz und wurde auf einen Reparaturservice aufmerksam, der sich meines Problems für einen fairen Preis annahm. Und bereits nach kurzer Zeit hatte ich mein Notebook funktionsfähig mit einem gebrauchten, aber etwas schnelleren Prozessor und einem besseren Grafikchip zurück. Der geplanten Obsoleszenz konnten wir wenigstens diesmal ein Schnippchen schlagen – ohne großen Aufwand!

Auch im kommenden Sommer sicherlich mein liebster Arbeitsplatz –
zum Glück wieder mit repariertem Notebook!

Mal sehen, welches Gerät sich als nächstes verabschiedet… Aber wir werden weiter versuchen, uns der vorherrschenden Vergeudungsökonomie so gut wie möglich zu entziehen: Reparieren statt wegwerfen soll wieder stärker unser Bewusstsein prägen!

Habt ihr auch schon Erfahrungen mit schlechter Produktqualität gemacht?

Wie geht ihr mit der geplanten Obsoleszenz um? Lasst ihr reparieren und wenn ja, um welchen Preis? Oder kauft ihr beispielsweise ein neues Austauschgerät?

Besonders dreiste „Murkserlebnisse“ kann man übrigens unter murks-nein-danke.de melden. Petzen unbedingt erlaubt!Murks? Nein Danke!

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