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Capsule Wardrobe: Projekt 333 in der Schwangerschaft

Ich interessiere mich seit über einem Jahr für Minimalismus. Obwohl ich noch lange nicht am Ziel bin, kämpfe ich mich mit Babyschritten voran – auch, weil ich viele Schritte mit meinem Mann zusammen gehen muss. Aber es haben inzwischen bereits ca. 200 Bücher meinen Haushalt verlassen, 50 CDs und DVDs, zwei Ordner Papierkram und viel Kleinkram; im Bad und sonst wo. Dadurch konnten eine Kommode, ein paar CD-Regale, eine Schreibtischaufbewahrung und ein Spiegeltisch gehen. Und es sieht (meistens) deutlich ordentlicher aus. Eine Shoppingqueen war ich zwar ohnehin nie. Aber ich behalte meine Dinge, bis sie auseinanderfallen. So sammelt sich doch einiges an. Es fiel mir stets schwer, Geschenke abzulehnen oder auszusortieren, wenn sie nicht zu mir passten. Irgendwann fühlte ich mich überwältigt: Meine Wohnung war nur noch ein Chaos und ich völlig überfordert.

Vom vollgemüllten zum bedarfsgerechten Kleiderschrank
Im Kleiderschrank habe ich natürlich auch aufgeräumt. In erster Linie haben mich abgelegte Kleidungsstücke von meiner Stiefschwester verlassen. Wir haben die gleiche Größe, aber sie trägt viel Polyester (kann ich nicht leiden) und eng geschnittene Kleidung, an der ich ständig „rumzuppeln“ muss. Lustigerweise durften dann eher zehn Jahre alte Pullis bei mir bleiben, die abgetragen aussehen, die ich aber liebe. Grundsätzlich dachte ich immer, dass ich nun wirklich keine Capsule Wardrobe brauche. Ich trage viel zu gerne bunt und liebe meine Kleidungsstücke. Gerade die schönen Sommerkleider, die nur wenige Monate zum Einsatz kommen, dafür aber alle bereits mehrere Jahre alt sind. Dennoch hatte ich immer das Gefühl, dass mir Einzelteile fehlen. Ich habe mir zwei neue, blaue Jeans gekauft, weil die alten durchgescheuert waren. Kurze Zeit später merkte ich, dass ich eigentlich dringend eine schwarze Hose brauchte, allein aus Kombinationsgründen. Ich habe noch genug langärmlige Oberteile (fast alle abgelegt von meiner Stiefschwester), aber die sind für meinen Geschmack zu kurz. Ernsthaft: Wieso schneidern die Marken Winterkleidung bauchfrei? Neu kaufen will ich nicht. Im Grunde habe ich ja „genug“. Mein Kleiderschrank ist also größtenteils nicht bedarfsgerecht.

Capsule Wardrobe: Janines Kleiderschrank nach dem Ausmisten

Warum gerade jetzt? Schwanger!
Während der Schwangerschaft fasste ich schnell den Entschluss, mich nicht komplett für ein paar Monate neu einzukleiden. Aber einige Sachen sind dennoch dazugekommen. Ich habe mir zwei zusätzliche Gummizugröcke geliehen, unter denen ich gut dicke Strumpfhosen tragen kann (nicht in der Capsule Wardrobe, weil sie eher winterlich sind). Gebraucht gekauft habe ich mir außerdem zwei Shirts, zwei Tops, drei Leggins und einen Schwangerschaftsrock, der über den Bauch geht. Mein Kleiderschrank ist also ganz schön voll geworden. Und chaotisch. Gleichzeitig nervte es mich, dass mir ständig Sachen in die Hände kamen, die ich gar nicht mehr tragen konnte. Besonders meine Miniröcke und sehr enge Shirts passten früh nicht mehr. Warum also nicht jetzt, wo ich einen großen Teil meines Kleiderschranks ohnehin nicht nutzen konnte, das Projekt 333 – also 3 Monate lang nur 33 Kleidungsstücke – in Angriff nehmen? So hätte ich alles aus den Augen, was ich gerade nicht tragen kann, und genug Platz für die zusätzliche Kleidung. Außerdem sind viele der aktuellen Sachen bereits sehr alt und abgetragen; doch als Schwangere muss ich nicht immer top gekleidet sein. Aus verschiedenen Gründen arbeite ich überdies nicht mehr. Ich denke aber, dass man die Capsule Wardrobe für die Schwangerschaft problemlos um einiges schicker gestalten könnte (siehe Tipps).

Als im 6. Monat der Bauch langsam sichtbar wurde, war der perfekte Zeitpunkt gekommen:  Was jetzt schon sehr eng war, würde ich, bis das Baby da ist, keinesfalls mehr anziehen. Zudem stand der Frühling vor der Tür und die Wintergarderobe konnte weg.

Capsule Wardrobe! Wie bin ich es angegangen?
Erst einmal habe ich mir meine „perfekte“ Frühlings- bzw. Sommer-Capsule-Wardrobe aufgestellt. Schnell habe ich gesehen, dass überhaupt nicht so viel fehlt und ich einiges für die fortschreitende Schwangerschaft leicht umstellen und nutzen kann. Am nächsten Tag sortierte ich meinen Schrank aus: Erst einmal alles raus, was ich die nächsten Monate ohnehin vergessen kann. Ein paar Sachen habe ich nochmal anprobiert. Dann habe ich mich gefragt: Was ist im Moment besonders bequem? Werde ich das auch später tragen können? Habe ich etwas, das farblich dazu passt? Für welche Wetterlagen muss ich gerüstet sein?

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Ich habe schnell alles nach Kategorien zusammengestellt. Als ich fertig war, kam ich auf 35 Teile. Eigentlich zu viel. Um ehrlich zu sein, war ich selbst ein bisschen überrascht, was ich  noch tragen kann und möchte. Aber: Meine Jeans wird nicht mehr ewig passen und ich muss vier Monate auskommen statt drei; nur für den letzten Schwangerschaftsmonat mache ich keine extra Wardrobe. Leggins trage ich übrigens im Normalfall nicht „offen“. Trotzdem wollte ich sie mitzählen, weil ich es zum Schluss wohl doch machen werde. Ich bin also schon für ein paar Schwangerschaftseventualitäten gerüstet. Es soll ja auch kein Kampf sein, unbedingt auf 33 Teile zu kommen.

3 Monate mit 33 Kleidungsstücken oder: Alles, was nicht zählt

  • Einkaufstaschen wie große Rucksäcke, Beutel etc.
  • Wander-, Tanz- und Sportschuhe
  • Reine Sportkleidung (dabei auch die anderen Schwangerschaftsoberteile)
    Schlafanzüge
  • Unterwäsche und Strumpfhosen (kann ich ebenso nicht mehr alle tragen)
  • Ehering, Brille und Armbanduhr (habe ich einfach IMMER an und ohne Brille laufe ich überall dagegen)
  • Haargummis

In sieben Kategorien zur Capsule Wardrobe
1. Accessoires (obwohl ich wenig davon habe, die erste Kategorie, die ich gemacht habe):

  • 1 Kappe
  • 2 Schals /Tücher
  • 1 Handtasche (meine schicken Kleider kann ich gerade sowieso nicht tragen, also eine sportliche)
  • 1 bunter Rucksack
  • 1 Sonnenbrille
  • 1 Kette

2. Kurze Oberteile:

  • 4 einfache Shirts (eines extra für die Schwangerschaft, eines trage ich)
  • 1 schickeres Shirt, teils rückenfrei (recht eng, unklar, ob ich es bis zum Schluss tragen kann)
  • 3 Tops (das schwarze ebenfalls ein Schwangerschaftstop)

Projekt 333 oder die Oberteile aus der Capsule Wardrobe der Autorin

3. Lange Oberteile:

  • 3 Sweatshirt-Jacken
  • 1 Langarmshirt (Rest wäre bauchfrei)

4. Hosen:

  • 1 Jeans (wie gesagt, vermutlich nur mehr kurz in Gebrauch)
  • 1 dünne Gummizughose (ich liebe das Ding)
  • 3 Schwangerschaftsleggins (zwei lang, eine etwas kürzer, werden z.T. auch beim Sport getragen)

5. Kleider und Röcke:

  • 1 etwas dickeres Kleid
  • 2 bunte Röcke (einer davon der Schwangerschaftsrock)
  • 1 langer Rock, kann auch als Kleid getragen werden (dann unförmig, aber jetzt gerade egal)
  • 1 kurzes schwarzes Kleid, kann auch als Rock getragen werden (dann eher unförmig)

6. Jacken:

  • 1 Bolero
  • 1 Regenjacke
  • 1 dickere Jacke (von der Schwiegermama ausgeliehen, leider eher hässlich)

7. Schuhe:

  • 1 Paar wasserfeste Halbschuhe
  • 1 Paar Barfußschuhe
  • 1 Paar Sandalen

Aussortiert wird natürlich erst, wenn ich meine alte Figur einigermaßen wieder habe!

Was ich mir vom Experiment verspreche: Lösungen und Antworten

  1. Einen Kleiderschrank, der für mich funktioniert. Wenn ich morgens nur sehe, was ich nicht tragen kann, macht die Schwangerschaft keinen Spaß.
  2. Kann es funktionieren? Komme ich mit dem Waschen klar, wenn ich nur noch relativ wenig zur Verfügung habe? Gerade die Sweatshirt-Jacken und Röcke lüfte ich meistens eher aus und trage sie einige Tage. Aber Oberteile?
  3. Endlich ein paar Sachen „durchtragen“, besonders das Hardrock-Café-Shirt, die schwarze Sweatshirt-Jacke und die beiden normalen Tops sind extrem abgetragen. Vielleicht kann ich sie nach der Schwangerschaft endlich nicht mehr sehen und als Putzlappen entsorgen. Vielleicht trifft dieses Schicksal dann sogar Sachen, die nicht in der Capsule Wardrobe enthalten sind.
  4. Wieder mehr auf Kleidung freuen, die ich momentan nicht trage(n kann).
  5. Ermitteln, was ich wirklich brauche. Welche Farben kann ich kombinieren, ohne auf Buntes verzichten zu müssen? Welche Basics fehlen?

Tipps und Variationen
Diese Capsule Wardrobe ist natürlich extrem auf meine Bedürfnisse und meinen – eher flippigen – Stil abgestimmt. Aber ich habe mir auch Gedanken gemacht, wie man seinen Kleiderschrank für die Schwangerschaft mit wenigen Neuanschaffungen anders zusammenstellen kann.
Die Garderobe ist auf eine relativ moderate Gewichtszunahme bis ca. 15 kg abgestimmt. Ich bin jetzt im sechsten Monat und es lässt sich vorausahnen, dass ich keine richtige „Bombe“ werde. Seit der Bauch im fünften Monat weiter nach oben gewandert ist, passen meine Hosen sogar wieder besser. Ich kenne aber auch Frauen, die 30 kg und mehr zugenommen haben. Dann hilft natürlich nicht mehr viel. Trotzdem habe ich vorgesorgt. Ich rechne zwar damit, dass ich jedes Kleidungsstück bis zum Schluss noch gut in verschiedenen Kombinationen tragen kann, aber ich habe auf die Bundhöhen geachtet. Ich kombiniere längere Schwangerschaftsoberteile mit Unterteilen, die unter dem Bauch sitzen. Oder ich trage Unterteile mit hohem Bund zu regulären Oberteilen. Im Notfall fällt selbst die schwarze Leggins nicht auf, die zwischen Rock und schwarzem Shirt sichtbar wird.

Ich bin aber eher der Hosen-Typ
Ich persönlich trage im Sommer Jeans eigentlich nur zum Skaten. Das fällt aufgrund der Sturzgefahr diesen Sommer aus. Deshalb reicht eine Jeans in meiner Schwangerschafts-Capsule-Wardrobe; wenn ich aber gar nicht ohne Denim leben könnte, hätte ich statt der drei (!) Leggins vermutlich eher zwei Schwangerschaftsjeans (lang/ kurz) und nur eine Leggins gekauft.
Selbst wenn ich noch arbeiten würde, sähe meine Auswahl nicht viel anders aus. In meinem Beruf als Buchhändlerin trug ich jedes dieser Outfits bereits auf der Arbeit. Aber klar: Es gibt Jobs, da muss man anders gekleidet sein. Einer meiner Tipps: schwarze Chino- bzw. Jogginghosen, die inzwischen wirklich äußerst schick sind und auch nach der Schwangerschaft noch gut aussehen werden, vor allem in Kombination mit einem schlichten Oberteil. Statt der bunten Röcke kann man schwarze nehmen, die mit Feinstrumpfhosen aufgewertet werden, sodass der Gummizug kaum auffällt. Statt der Sweatshirt-Jacken würde ich einen Blazer wählen und ihn offen tragen (möglicherweise in Kombination mit einem Tuch) und einen Cardigan, der sich sowohl im Beruf als auch privat gut kombinieren lässt. Zusammen mit einem schlichten Oberteil sowie einer Kette wirkt beides sehr schick und dürfte für die meisten Büroberufe gut passen.

Das Standard-Outfit aus dem neunten Schwangerschaftsmonat

Wenn es um flotte Schwangerschaftsmode geht, liebe ich Strickkleider. Wann kann man schon den Bauch betonen, wenn nicht jetzt? Mit einer guten schwarzen Leggins und dem genannten Blazer würde ich sogar auf einer Hochzeit auftauchen. Dazu ein paar schicke, flache Ballerinas, wenn man sie gut tragen kann. Sonst einfach niedrige Boots oder einige Halbschuhe mit den schickeren Outfits kombinieren.

16. April 2018: Erstes Update
Recht schnell hat sich meine Capsule Wardrobe erneut verkleinert. Eine der Schwangerschaftsleggins trug ich vor dem Experiment noch nicht und merkte direkt, dass deren Nähte extrem ungünstig sitzen und zu dick sind. Ich hatte sofort aufgeriebene Stellen an den Beinen. Also wird sie verschenkt – ab in den Umsonstladen. Zum Glück war sie ja gebraucht. Ich erwäge auch, die Barfußschuhe auszusortieren. Ich habe bereits kurz nach dem Kauf vor zwei Jahren gemerkt, dass ich sie mir nicht noch einmal kaufen würde. Durch die ganzen Kunststoffe fangen die Schuhe schnell an zu müffeln, obwohl ich damit eigentlich nie ein Problem habe! Zudem musste ich mich immer erst an die Verstärkung der Sohle an der Ferse gewöhnen, wollte sie aber eigentlich vor dem Ausmisten auftragen. Jetzt stelle ich fest, dass ich davon drei Tage lang wunde Füße habe. Komplett barfuß gehen klappt besser. Vielleicht sind meine Füße gerade empfindlicher? Könnten also doch noch nur 33 Teile werden.

Was ich schon sagen kann, ist, dass ich definitiv noch mehr auf bessere Qualität setzen muss. Meine Pumphose lag bereits wieder zwei Mal unter meiner Nähmaschine! Die Nähte sind einfach zu unsauber versäumt und lösen sich ständig. Bei einer kleinen Garderobe kann man solche Kleidungsstücke wirklich nicht brauchen. Auch den langen Rock musste ich bereits reparieren. Weil ich diese Kleidungsstücke bisher aber selten in besserer Qualität gesehen habe, erwäge ich, mir schlicht eine solche Hose selbst zu nähen – sobald ich mich wieder sinnvoll ausmessen kann. Von meiner ältesten Sweatshirt-Jacke mit den kaputten Säumen und dem löchrigen Barcelonashirt bin ich schon jetzt genervt. Die Therapie scheint also anzuschlagen. Ach, eines hatte ich vergessen: Ich stricke mir gerade einen Stillponcho. Je nachdem, wann ich fertig werde, könnte er noch den Platz der Leggins ersetzen.

24. Mai 2018: Zweites Update
Eines der Tops (das grüne) hat einen Fleck, den ich nicht mehr rausbekomme – direkt an der Brust. Mist! Ich bekleckere mich im Allgemeinen momentan ziemlich krass, weil ich meine Ausmaße irgendwie nie richtig einschätze. Ich krame in meiner normalen Garderobe, was ich da noch finde – sonst wird es gerade nächste Woche eng. Es soll über 30° und schwül werden.

Fazit
Das Projekt ist beendet: Mein kleiner Sohn liegt jetzt im Tragetuch an meinem Körper. Noch passe ich nicht wieder in meine komplette Garderobe, aber in Vieles. Wie erwartet wurde ich keine „Bombe“. Ich habe zwar ordentlich zugelegt, bin aber aus nahezu keinem Teil der Capsule Wardrobe rausgewachsen; außer aus einem T-Shirt und einer Sweatshirt-Jacke. Tatsächlich habe ich durch das Experiment einiges gelernt. Zum einen war es wirklich eine Erleichterung, nur noch Kleidung greifbar zu haben, die ich tragen konnte. Ich hatte lediglich eine Kommodenschublade und ein Unterwäschefach. Und das reichte. Zum Schluss wurde es mit den Oberteilen etwas eng, da ich ein Top mit Fleck aussortieren musste und keinen Ersatz besaß; und weil es seit Mai fast durchgängig sommerlich war. Wer kann das ahnen?

Minimale Mogelpackung
In zwei Fällen habe ich allerdings geschummelt: Zum einen habe ich ein T-Shirt ausgetauscht, das zu eng wurde. Zum anderen habe ich mir ein Schwangerschafts- und Stillkleid gekauft. Ich benötigte es für eine Hochzeit kurz nach der Geburt. Und in meinen Augen wäre es Quatsch gewesen, es wegen des Experiments in der Schwangerschaft nicht zu tragen. Dafür habe ich vor allem drei Kleidungsstücke aus meiner Wardrobe nie getragen: den Bolero (dann doch lieber Sweatshirt-Jacken, eine davon war zum Schluss übrigens auch zu klein), die Jeans (zuerst weil so schönes Wetter war und dann… war immer noch schönes Wetter und die Hose zu eng) und das Langarmoberteil (Wetter…).

Gelernt habe ich zudem, dass Qualität wirklich extrem wichtig ist in einem überschaubaren Kleiderschrank. Die Stoffhose lag unzählige Male unter meiner Nähmaschine, weil sie nicht gut verarbeitet war. Das nervt! Meine löchrigen Shirts wurden noch löchriger, weil ich sie so oft trug. Aber nach zehn Jahren ist das in Ordnung. Barfußschuhe kaufe ich nie wieder. Aufgrund des extremen Schweißgeruchs habe ich sie bereits im Mai aussortiert. Ich hasse Plastikkleidung. Eine Leggins, deren Nähte ungünstig saßen, habe ich ebenfalls direkt ausgemistet. Wenn ich durchzähle, umfasste meine tragbare Garderobe in den letzten sechs Wochen noch 23 Teile. Ein T-Shirt und das fleckige Top sind übrigens bereits zu Läppchen für den Babypopo geworden.

Über die Autorin
Darf ich vorstellen: Janine. Historikerin, Buchhändlerin und in der falschen Zeit geborener Punk-Hippie. Mitglied der sogenannten Generation Y. Seit über einem Jahr werde ich Stück für Stück minimalistischer. Und ich weiß nicht, warum ein Baby das ändern sollte.

Alle Abbildungen – soweit nicht anders angegeben – © privat.

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Kinostart: Draußen

Presley und Pilze. Musik und Buch. Für Elvis und Matze sind das überlebenswichtige Besitztümer. Dinge, auf die sie nicht verzichten können und wollen. Elvis, der sich so nennt wie sein gleichnamiges US-Idol, findet in den Liedern der Rock- und Poplegende Halt: Das Anhören der Songs „bringt einen immer wieder auf Stimmung, auch wenn man – auf Deutsch gesagt – am Boden liegt“, sinniert er. Und am Boden lag der Mann mit dem Ausdruck gelebten Lebens in den vergangenen Jahren sehr oft. Im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Denn Elvis ist obdachlos. Genau wie Matze, ein junger Mann mit sensiblen Gesichtszügen, der zu seinem überschaubaren Hab und Gut unter anderem ein Buch über Essbares aus der Natur zählt. Wenn es um das nackte Überleben in Wald und Flur geht, ein unermesslicher Schatz; und seit einer Pilzvergiftung in der persönlichen Bedeutung noch gestiegen.

„Wenn ich es nicht sauber gehalten hätte, dann hätte ich nie hier bleiben können“, sagt Elvis über seinen Platz unter der Brücke

Beide Männer sind Protagonisten und Porträtierte im Dokumentarfilm von Johanna Sunder-Plassmann und Tama Tobias-Macht, der am 30. August bundesweit in den deutschen Kinos startet. Draußen begleitet insgesamt vier Männer, die auf der Straße leben und den Filmemacherinnen nicht nur ihr Innerstes, sondern auch den Inhalt ihrer „Plastiktüten und Einkaufswagen“ offenbart haben: „Bei den Interviews fragten wir nach den persönlichen Gegenständen der Protagonisten. Entgegen unseren Erwartungen besaßen alle Gesprächspartner interessante Objekte, sorgfältig ausgewählt und bewahrt. Es waren Erinnerungsstücke, Fragmente und Bruchstücke aus einem früheren Leben, aber auch Dinge, die vom Leben auf der Straße erzählten. Sie waren, so wie bei allen anderen auch, Teil ihrer Persönlichkeit und Ausgangspunkt für ganz besondere, überraschende Geschichten, die den Leitfaden des Films bilden“, so das Regiestatement der beiden Frauen.

„Für draußen sind wir in eine Parallelwelt eingetaucht, der wir täglich begegnen und die wir zu kennen meinten“, so die Filmemacherinnen

Herausgekommen ist ein 80-minütiger Beitrag, der sich fließend zwischen Dokumentarfilm und Kunstinszenierung hin und her bewegt. Was Elvis, Matze, Peter und Sergio ihr minimalistisches Eigen nennen, ist maximal überlebensnotwendig. Egal, ob es sich um Fan-Devotionalien, Sammelfiguren aus Überraschungseiern, alten Fotos oder um Fixerbesteck handelt. Obwohl der Besitz jedes Einzelnen in eine überschaubare Kameraeinstellung passt, ist der individuelle Wert dahinter kaum zu greifen.

Der Besitz der vier Männer steht stellvertretend für vier Vergangenheiten, ist Spiegel verblasster Tage, Zeugnis enttäuschter Hoffnungen und zerstörter Träume sowie Halt in Zeiten wie diesen. Etwa bei Matze, der ein graviertes Besteck in den Händen wiegt, aufgeladen mit Erinnerungen, von denen er hofft, sie mögen auf ewig bleiben und nicht wegrosten, nicht aus der eigenen Biographie verschwinden wie der Großvater, bei dem er aufgewachsen ist. „Erfahrungen machen das aus uns, was wir sind“, bilanziert er. Und um Erfahrungen und Erinnerungen geht es sehr viel in dieser Doku, die keine Stimme aus dem Off und keinen Erzähler im Hintergrund benötigt, aber stattdessen auf lange Einstellungen und Raum für Innenwelten setzt.

Mit dem Erlös von vier Pfandflaschen kann sich Matze einen ganzen Tag lang ernähren

Die frühkindliche Sozialisation zieht sich wie ein bleischwerer Faden durch die Biographen dieser Menschen und lässt sie nicht mehr los, die Heimkinder, die Verstoßenen, die Haltlosen. Auch nicht unter einer Brücke, irgendwo in Deutschland, irgendwo bei Köln. Und dennoch kommt Peter, der ehemalige Karnevalsprinz, Punk und Ehemann zu einem für viele Zuschauer wohl unerwarteten Schluss: „Ich kann gar nicht mehr anders leben, ich möchte gar nicht mehr anders leben.“ Bei Elvis klingt das ähnlich. Nachdem die Filmemacherinnen ein altes Kissen in Herzform aus seinem penibel angeordneten Schlafplatz in Szene gesetzt haben, wird ein emotionales Bruchstück aus einem fremden Leben sichtbar. „Ich liebe Dich“ ist auf dem Herzen zu lesen, das einst in Form einer Schausteller-Tochter für den heute weißhaarigen Mann schlug. Eine Liebe, die durch einen tödlichen Unfall endete. Für Elvis zugleich das Ende einer – wie auch immer gestalteten – „Normalbiographie“. Raus auf die Straße will er nur noch, keine Erinnerungen mehr haben, weil alles fortan negativ behaftet ist. Über vier Jahrzehnte ist das nun her.

Elvis ist ihm Heim aufgewachsen, ohne Privatsphäre und ohne Rückzugsmöglichkeit

Es sind Schicksale, die berühren und die unser Verhältnis zu unseren Besitztümern in ein vollkommen neues Licht rücken. Wenn Matze eine kleine Fee bzw. Elfe aus einem Überraschungs-Ei an sein provisorisches Zeltdach im Wald hängt, ist die kleine Figur mehr als nur ein Spielzeug aus Kunststoff. Sie ist eine Hüterin der Vergangenheit, eine Reminiszenz an das Kind Matze, das sein erstes Taschengeld in diese Eier investierte. Ein sichtbarer Faden der eigenen Geschichte, die Biographie heißt, abgerissen und dennoch weitergesponnen. „Wir wollten, dass unsere Protagonisten für eine Nacht in einem anderen Licht dastehen. Deshalb haben sich für die Dauer einer Nacht, ihre Schlafplätze verwandelt. Wir gingen von den vorhandenen Gegenständen und ihren Geschichten aus und schufen einen neuen Raum. Dort, wo unsere Helden Schutz suchen, an ihrem Lagerplatz, entstanden individuelle Kompositionen, wie Bühnenkulissen oder Vitrinen eines Museums“, heißt es in der Synopsis zu Draußen.

Peter und Sergio (rechts im Bild) teilen ihren Alltag. Die Kameras ihren Besitz

Persönlicher Besitz, behaftet mit einer emotionalen Spannbreite wie Scham und Stolz, sowie reine Selbsterhaltungsanker hängen daher plötzlich an Betonwänden, an Astgabeln, sind fein säuberlich eingepasst in Quadrate und rücken in den Fokus, aber (leider) auch von ihren Besitzern weg. Ob das bislang Gesehene und Gehörte auf diese Weise „überhöht und dadurch anschaulich“ oder ein „poetische(r) Erlebnisraum“ für Betrachter zur „individuellen Auseinandersetzung“ mit Matze, Elvis, Peter und Sergio geschaffen wird, wie es Sunder-Plassmann und Tobias-Macht postulieren, sei dahingestellt. Einen Einblick in die komplexe Bedeutung von Dingen auf unser Leben und die mitunter leidvolle, lebenslange Komplizenschaft mit selbigen verschafft der Dokumentarfilm in jedem Fall.

Draußen

Buch, Regie und Schnitt:
Tama Tobias-Macht und Johanna Sunder-Plassmann
Sprache: Deutsch
Kinostart: 30.8.2018
Länge: 80 Minuten

Eine Produktion der unafilm GmbH in Koproduktion mit dem WDR in Zusammenarbeit mit ARTE.

Für die Möglichkeit zur Preview bedanken wir uns bei der Kölner Filmpresse.

#MoreMoments 12: Dominiks Ode auf den Minimalismus

I’m rolling – ancient vistas scrolling
nostalgia in the moment
My home is – aluminum on wheels
the fastest way to shake anxiety

Going further – wind blowing
pulse slowing till it hits me

I took some factors from the equation
studied the problem anew – turns out
simpler equations have simpler solutions
so I’m spending some time – simplifying
simple is what I’m gonna do

Eine Ode auf den Minimalismus. Die hat Dominik Baer mit seinem Song The Equation nach eigenen Angaben geschrieben. Über die Entstehungsgeschichte des Songs sagt der Heidelberger Indie-Pop-Künstler: „Alle kennen wir sie: Diese Momente, die Freiheit und Leichtigkeit mit sich tragen. Du bist alleine… vor Dir erstreckt sich eine offene Straße… Bäume und Felder rauschen an Dir vorbei. Aluminium auf Rädern – so schüttele ich mir die Sorgen vom Leib. Hier gibt es nichts, was Dich schwer macht, ein Gefühl des Abenteuers und der Genügsamkeit. Und dann verändert sich auch noch die Zeit und wird kurz langsamer. Vereinfachen. Es ist heilsam, das Überflüssige im Leben auszumisten. Zurück zu den wichtigsten Dingen. Im letzten Jahr waren wir zwei Monate in unserem Bus in Spanien unterwegs. In dieser Zeit mit meiner Frau und meinen Sohn im Bus wurde mir klar, wie wenig ich eigentlich zum Leben brauche.”

Dominiks Geschichte hat unsere Neugierde geweckt. Deshalb haben wir ihn zum Interview für unsere Blogreihe #MoreMoments gebeten in der Menschen regelmäßig erzählen, was sie glücklich macht. Fernab von Konsum bzw. compulsory consumption.

Lieber Dominik, Du bist u.a. in Sri Lanka und Pakistan aufgewachsen und man liest über Dich, Du wärst ein echter Weltenbummler. Was hat Dich 2017 inspiriert bzw. motiviert, mit Deiner Frau und Deinem Sohn Vigo zwei Monate durch Spanien zu fahren?
Es gibt etwas Magisches, das passiert, wenn man sich an einem neuen Ort aufhält. Die Sinne sind geschärft, man nimmt die Umgebung um sich intensiver wahr. Ich liebe dieses Gefühl – umso schöner, dass es beim „Vanlife“ zur alltäglichen Erfahrung gehörte.

Vanlife – Indie-Pop Adventurer Dominik mit seiner Frau Anna und dem gemeinsamen Sohn Vigo

Was war die prägendste Erfahrung für Dich und Deine Familie in dieser Zeit?
Puh – es ist schwierig, da nur eine Erfahrung rauszusuchen. Ich denke, es waren besonders die wunderschönen und vielfältigen Aussichten. Wenn man aus dem Schlafzimmer direkt auf die Alhambra oder den Fels von Gibraltar schaut, kann das Leben einfach nicht mehr besser werden!

Minimalismus als Familie – eine besondere Herausforderung

Welchen Einfluss hat(te) diese Reise auf Deine Musik: Wie ist sie in Ton und Text eingeflossen?
In vielen meiner Songs geht es um persönliche Erfahrungen, darunter eben auch verschiedenste Reisen. Dank dem Reisefieber sind auf diesem Album sowohl ein Song über die schottischen Highlands als auch einer über die deutsche Nordseeküste entstanden. Am direktesten ist jedoch die Erfahrung des Reisens im Van in dem Song „The Equation“ festgehalten, in dem es um dieses Gefühl der Leichtigkeit geht.

Eine musikalische Reise im Van. Dominik beim Musikmachen im „Tiny House”

Im Zusammenhang mit dem Song „The Equation“ sagst Du: „In dieser Zeit mit meiner Frau und meinen Sohn im Bus wurde mir klar, wie wenig ich eigentlich zum Leben brauche. Dieser Song ist eine Ode auf den Minimalismus.“ Inwieweit habt Ihr Euer Leben nach der Rückkehr in Sachen Besitz und Co. verändert? Was bedeutet Minimalismus für Euch, was ein gutes Leben?
Wir haben nun zum zweiten Mal einen intensiven Monat damit verbracht, möglichst viele Dinge in unserem Haushalt loszuwerden. Eine unaufgeräumte und überladene Umgebung schlägt sich für mich auf die Psyche nieder und spiegelt oft den inneren Zustand wider. Deswegen ist es wichtig, wie man mit Dingen umgeht und dass man sich Platz und Raum schafft – sowohl in der Wohnsituation, als auch im Kopf. Ich muss trotzdem sagen, dass mir der gelebte Minimalismus noch sehr schwer fällt. Ich habe oft noch das Gefühl, dass wir viele unnötige Dinge besitzen.

Artwork zum Song „The Equation” von Dominiks Frau Anna alias Olive Green Anna

Auf welche Dinge könntest Du/ könntet Ihr niemals verzichten?
Kunstmaterialien
, Musikinstrumente, Spotify, Podcasts, Kaffee und frisches, leckeres Essen.

Was sind Eure Pläne für die nähere Zukunft: Wovon träumt Ihr?
Wir würden gerne die besten Jahre unseres Lebens damit verbringen, Kunst und Musik zu machen, Kreativität zu erfahren und weiterzugeben und uns immer wieder auf neue Abenteuer einzulassen. Wir wollen neue Orte und Menschen kennenlernen und das Leben in vollen Zügen genießen.

Leben im Hier und Jetzt. Für Dominik und seine kleine Familie ein Schlüssel zum Glück

Glück bedeutet für Euch…?
Präsent zu sein, nicht in der Vergangenheit oder Zukunft zu leben – Zeit zu haben für die besten Dinge im Leben: die Menschen und Aktivitäten, die wir am meisten lieben.

Mehr von Dominik Baer gibt es auch auf Facebook sowie auf Instagram.
Mehr von Anna Baer findet Ihr unter olivegreenanna.com.

Alle Abbildungen © privat.

More Moments.
Du willst anderen Menschen zeigen, was Dein Leben erfüllt, was Dich wirklich glücklich macht und bereichert? Du „sammelst“ lieber schöne Momente als Dinge und verbringst Zeit mit etwas Wertvollerem als mit compulsory consumption? Dann melde Dich bei uns und erzähle Deine (Minimalismus-)Geschichte. Wir freuen uns auf Dich.

#MoreMoments. Was wirklich wertvoll ist im Leben. Die aktuelle Blogserie auf Minimalismus21. Alle (vorherigen) Teile der Serie findet ihr unter dem Suchbegriff #MoreMoments rechts oben (Lupe) und natürlich bei Twitter. Zu Teil 1 und Teil 2 sowie zu Teil 3, Teil 4, Teil 5 und Teil 6, Teil 7 sowie Teil 8, Teil 9 und Teil 10 und Teil 11.