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Minimalismus und Erinnerungen

Erinnerungen bilden einen wichtigen Teil unseres Kulturgutes. Sie schaffen Überlieferungen, bewahren Tradiertes, schöpfen aus Erlebtem und Gelerntem, können uns Wegweiser, Mahner und Bewahrer sein. Der Duden definiert diese Begrifflichkeit unter anderem als „den Besitz aller bisher aufgenommen Eindrücke“. Viel zu spät ist der Minimalistin in mir klar geworden, dass man diesen innerlichen Besitz jedoch gleichermaßen loslassen und reduzieren kann wie seine(n) äußeren Hüter. Denn Erinnern bedeutet ursprünglich – so das etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache – machen, dass jemand etwas inne wird. Und mit diesem jemand sind wir mitunter eine ziemlich komplizierte Beziehung eingegangen, so kompliziert, dass wir „ihn“ gewähren und „es“ mit uns machen lassen.

Always on
Für die Feng-Shui-Beraterin und Entrümplungsspezialistin („Space-Clearing-Expertin“) Rita Pohle sind wir selbst zuweilen „mental >>überfüllt<< und oft kaum mehr in der Lage, Neues aufzunehmen. Die Kanäle zu unserer Intuition sind verstopft mit unnötiger Information, verschlackt von Fernsehmüll und Banalitäten aus dritter Hand. Wir werden von außen mit >>Abfall<< zugeschüttet. Wenn wir langfristig nicht auch unser Innenleben entrümpeln, uns vom mentalen Ballast befreien, vergiften wir uns innerlich! Denn mentaler Ballast beeinflusst Körper, Geist und Seele. Er kostet wertvolle Zeit und bindet unsere Energien.“ Das schrieb Pohle 2006, also zwei bzw. vier Jahre, bevor etwa in Deutschland die Onlinedienste Facebook und Instagram an den Start gingen. Die Namen ihrer minimalistischen Gegenspieler waren schnell gefunden: Digital Detox, analoge Auszeit, bewusst offline. Handlungsempfehlung: verzichten, ausschalten, deaktivieren; ironischerweise am besten in jenen Momenten, in denen unser nimmersattes Belohnungssystem bereits nach dem nächsten Like giert und unsere Aufmerksamkeit längst in einem verstörenden (Aus-)Maße gebunden ist.

Suitcase of memories: Emotionalen Ballast abwerfen
Die Auswirkungen dieser negativen – neudeutsch – „Awareness“ waren mir lange Zeit allerdings nicht bei meinem Hab und Gut bewusst. Oder anders ausgedrückt: Stets ging es darum, beim Ausmisten über den emotionalen Verlust hinwegzukommen, der vielen Gegenständen wie zäher Kleber anzuhaften scheint. Nie habe ich mir in den ersten Jahren des Aussortierens die Frage gestellt, ob zwischen Nostalgie und Wehmut ebenso Traurigkeit und Wut verschwinden und in eine Form von positiver Vergessenheit geraten können: Der Ärger über die ungenutzte Sportausrüstung, die Wut über die kränkende E-Mail, die Hose, die schon beim Kauf ihre Daseinsberechtigung allein aus dem kurzzeitigen Atemstillstand bezog. Sie alle binden unser Herz und unser Hirn, machen, dass uns etwas inne wird: ein schlechtes Gefühl, ein Leben im „Wenn-dann-Modus“, gewiss aber kein Dasein im Hier und Jetzt.

Wie wenig genug ist, kann ich heute noch weniger denn je an einer konkreten Zahl festmachen. Aber an der beruhigenden Erkenntnis, mich bewusst gegen das Leben in einer unbelüfteten Asservatenkammer entschieden zu haben.

Literaturhinweis:
Rita Pohle: Weg damit! Die Seele befreien. In sieben Wochen das Leben entrümpeln. München 2006, hier S. 16

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