Autor: M21

Nachlese: Gut leben ohne Wachstum (Norbert Nicoll)

2020 ist das Jahr, in dem Menschen weltweit die scheinbare „Normalität“ von gestern hinterfragen. Es ist das Jahr, in dem wir noch stärker als sonst gezwungen sind, nach Lösungsangeboten für eine lebenswerte Welt von morgen zu suchen. Oder, um es mit anderen Worten zu sagen, einen Teil unserer gesellschaftlichen Grundlagen anzuzweifeln, auf denen unser bisheriges Leben basiert(e). Wer zweifelt, kritisiert und in Frage stellt, wird irgendwann um Antworten gebeten, um Alternativen etwa zum kapitalistischen System wie die sog. „Postwachstumsgesellschaft“, welche u.a. vom deutschen Volkswirt Niko Paech postuliert wird. Wieder andere versuchen sich bewusst an reinen Ideenskizzen, verfolgen den Ansatz, die Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge einer komplex gewordenen Welt in Beziehung miteinander zu setzen. Norbert Nicoll gehört dazu. Weniger Scheinlösungen, mehr Genügsamkeit Bereits 2016 veröffentlichte der Nachhaltigkeitsforscher eine interdisziplinäre Geschichte der kapitalistischen Wachstumsidee, die bis heute zum festen Bestandteil meines literarischen Minimalismus-Kanons gehört. Kein Rettungsplan und keine Formel, kein weiteres akkumuliertes Punktekonzept, wie Loslassen in 100 Schritten, 365 Tagen oder entlang der Bedürfnispyramide zunächst das eigene Ich und dann den ganzen Planeten nachhaltig zu retten vermag. Nicoll liefert 2020 …

Minimalismus und Erinnerungen

Erinnerungen bilden einen wichtigen Teil unseres Kulturgutes. Sie schaffen Überlieferungen, bewahren Tradiertes, schöpfen aus Erlebtem und Gelerntem, können uns Wegweiser, Mahner und Bewahrer sein. Der Duden definiert diese Begrifflichkeit unter anderem als „den Besitz aller bisher aufgenommen Eindrücke“. Viel zu spät ist der Minimalistin in mir klar geworden, dass man diesen innerlichen Besitz jedoch gleichermaßen loslassen und reduzieren kann wie seine(n) äußeren Hüter. Denn Erinnern bedeutet ursprünglich – so das etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache – machen, dass jemand etwas inne wird. Und mit diesem jemand sind wir mitunter eine ziemlich komplizierte Beziehung eingegangen, so kompliziert, dass wir „ihn“ gewähren und „es“ mit uns machen lassen. Always on Für die Feng-Shui-Beraterin und Entrümplungsspezialistin („Space-Clearing-Expertin“) Rita Pohle sind wir selbst zuweilen „mental >>überfüllt<< und oft kaum mehr in der Lage, Neues aufzunehmen. Die Kanäle zu unserer Intuition sind verstopft mit unnötiger Information, verschlackt von Fernsehmüll und Banalitäten aus dritter Hand. Wir werden von außen mit >>Abfall<< zugeschüttet. Wenn wir langfristig nicht auch unser Innenleben entrümpeln, uns vom mentalen Ballast befreien, vergiften wir uns innerlich! Denn mentaler …

Death Cleaning. Generalprobe Minimalismus

Ich sehe in Deinen Augen, dass eine neue Zeitrechnung begonnen hat. Die Art, wie Du mich anblickst, die Art, wie Du den Hörer hältst, macht mir unmissverständlich klar: Nach diesem Telefonat wird nichts mehr wie vorher sein. Denn manchmal ist die Endlichkeit nur einen Anruf weit entfernt. Als Du mir sagtest, man habe sie bewusstlos auf der Straße gefunden, war ihr Buch des Lebens bereits fertig geschrieben. Error, Festplatte gelöscht, rien ne va plus. Loslassen kostet weniger Kraft als Festhalten. Und ist dennoch schwerer Im Krankenhaus stehen wir an Deinem Bett. Und Vater fleht: „Wach bitte wieder auf!“ Er zieht Mutter M21 Socken an, damit die kalten Füße warm werden, und ignoriert dabei, dass man ihre Körpertemperatur bewusst herabgesetzt hat. Unser Flehen, unsere Tränen, unsere Verzweiflung erreichen dich zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr. Die Ärzte raten zu einer Entscheidung. Loslassen, freigeben, wo immer es dich hinzieht. Die Krankenschwester sagt, man würde das Fenster öffnen, wenn es soweit sei. Damit die Seele ihre letzte Reise antreten kann. Ich halte deine Hand, als man die Scheiben …