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Save the date: Minimalismus-Bloggertreffen 2014

MT14HH

Die Vögel zwitschern es schon von den Dächern: das #MT14HH

Kinder, wie die Zeit vergeht. Vor bald einem Jahr sind wir nach Essen gefahren – zum zweiten Minimalismus-Bloggertreffen.

Wir, das sind Blogger und Leser aus ganz Deutschland gewesen, aus dem Süden und Norden, waren Herr M21er und ich, waren unbekannte Gesichter und die Menschen hinter den Geschichten und Texten, denen wir seit langer Zeit im Internet folgen.

Im Ruhrgebiet hat sich ein Teil von ihnen am 27. Juli 2014 im Essener Unperfekthaus versammelt.

Am Samstag, dem 26. Juli 2014, ist es wieder so weit: das dritte Minimalismus-Bloggertreffen. Dieses Mal treffen wir uns im schönen Hamburg bei Planten un Blomen. Und ihr seid alle ganz herzlich eingeladen!

Minimalisten aller (Bundes-)Länder vereinigt euch und trefft uns und zahlreiche liebe Kollegen in wenigen Wochen im Norden: Zum Austauschen und Diskutieren, für Anregungen und neue Bekanntschaften, zum Kennenlernen der Menschen hinter den Blogs uvm. Wir erwarten schon jetzt etwa 50 Leute.

Weitere Informationen findet ihr nach und nach auf der offiziellen Webseite. Und wer schon einmal voller Vorfreude tirilieren möchte – bitte den Hashtag #MT14HH benutzen.

Bis bald.

Geschichten aus der großen Stadt 2: Buchwelten

Citystories

Geschichten aus der großen Stadt

Schon in jungen Jahren haben mich Bücher fasziniert. Zwischen den Buchdeckeln gab es fremde Welten, ungeheuerliche Abenteuer und faszinierende Persönlichkeiten zu entdecken. Gerne erinnere ich mich daran, wie mir mein Vater „Die Abenteuer des Pinocchio“ vorlas. Kaum konnte ich selbst lesen, verschlang ich Unmengen an Büchern: Abenteuergeschichten von Kapitän Ahab bis zu Balthasar Bux, Sagen aus der griechischen und römischen Antike, Jugendromane von Schneider-Buch – einfach alles! In meiner Teenagerzeit zogen mich moderne Klassiker von Hemingway bis Kundera in ihren Bann und begleiteten mich durch die Pubertät.

Erst durch Studium und Berufseinstieg ist mir diese unbeschwerte Lesefreude abhanden gekommen. Oft kann ich mich nicht mehr einfach in eine Geschichte fallen lassen, verliere schnell die Lust an nichtsagenden und sprachlich anspruchslosen Romanen der aktuellen Bestsellerlisten. Heute vertiefe ich mich lieber in Fachliteratur verschiedenster Themengebiete – je nach aktueller Interessenslage. Eine Lesebiografie, wie sie sicherlich viele Menschen durchlaufen.

Bücherschrank_2

Lesen – Tauschen – Diskutieren

Buchkult und Trennungsschmerz
Geblieben sind Regale voller Bücher. Lange Jahre dachte ich, man müsste alle gelesenen Bücher aufheben, spiegeln sie doch die eigene intellektuelle Entwicklung wider. Aber eigentlich weiß ich, dass ich die allermeisten Werke nie mehr aus dem Regal nehmen und erneut lesen werde. Zugegeben: Anders als bei Schulbüchern fällt mir das Ausmisten bei Belletristik schwer; selbst Romane, die man heute definitiv nicht mehr lesen wird, weil sie ihren Zauber längst verloren haben, kann ich nicht einfach aussortieren. Es bleibt die positive Erinnerung an eine prägende, aber nicht wiederholbare Leseerfahrung – und ein vergilbtes Buch im Regal. Eigentlich benötigt man diese Gedächtniskrücken nicht. Doch das Loslassen gelingt nicht immer. Kann man sich endlich einmal trennen, steht man vor dem nächsten Dilemma: Wohin mit den alten verstaubten Büchern? Verkaufen ist selbst bei den einschlägigen Online-Portalen oftmals mühselig; einfach irgendwo liegen lassen? Die Unsicherheit zu groß, ob ein Bücherfreund den schmerzlich weggegebenen Schatz findet, bevor der nächste Regen kommt…

Der Schwabinger Bücherschrank direkt am Nordbad

Der Schwabinger Bücherschrank direkt am Nordbad

Verschenken macht Spaß: öffentliche Bücherschränke
In München gibt es endlich Abhilfe für Bibliophile wie mich: In Schwabing wurde ein Bücherschrank installiert, der für Bücherspenden gedacht ist. Man kann eigene Bücher einstellen und andere mitnehmen! Die massive Stahlkonstruktion des fest im Boden verankerten Schrankes bietet optimalen Schutz vor Wind und Wetter, selbstschließende Glasschiebetüren erleichtern den Austausch der Bücher, freiwillige Helfer gewährleisten Sauberkeit und Ordnung in den Regalen. Ganz ungezwungen kann man den Bestand durchstöbern, schmökern und sich mit anderen Bücherliebhabern austauschen.

Hasteten früher die meisten Menschen an dieser Straßenecke achtlos vorbei, bleiben jetzt immer Leute stehen, schauen neugierig, suchen nach neuem Lesestoff, bringen eigene Bücher vorbei. Ein lebendiger Magnet im Stadtviertel, der die verschiedensten Bewohner zwanglos zusammenführt. Das Konzept ist ein voller Erfolg und auf jeden Fall einen Besuch wert. Und ich kann mich endlich leichter von alten Romanen trennen…

Des Minimalisten neue Kleider

Minimalismus leben heißt Kompromisse eingehen. Kompromisse mit mir selbst. Entscheidungen für oder gegen eine Sache. Pro oder contra. Gestern Abend habe ich mich für pro entschieden und damit für eine Tasche. Blau und groß und schwer stand sie bei unserem allabendlichen Spaziergang an einer Straßenecke. Blau und groß, wie sie Heerscharen von Teelichtkäufern werktäglich durch schwedische Möbelhäuser schleppen. Ein Zettel lag obenauf: zu verschenken. Ihr Inhalt: Dutzende von Kleidungsstücken, die den Jäger und Sammler in mir instinktiv an seiner Achillesferse kitzelten.

Leben in der Wegwerfgesellschaft

zu_verschenken

Zu verschenken: Der Original-Zettel

Einen kritischen Blick später hatte ich zwei Teile herausgepickt. Ein Halstuch und eine Hose, die ich zu Hause in Ruhe probieren wollte. Als Herr M21er und ich weiterliefen, diskutierten wir wieder einmal über die maßlose Verschwendungssucht, über Konsumwut und darüber, wie selbstverständlich und achtlos vor allem Textilien bereits nach kurzer Tragedauer ausgetauscht und entsorgt werden. Als wir nach eineinhalb Stunden wieder zurückkamen, stand die Tasche immer noch da. Kein einziges Teil fehlte.
Diese Situation ist uns nicht fremd. Wie oft sind wir in der Vergangenheit auf Kisten und Kartons gestoßen, in denen sich der „Wohlstandsabfall“ unserer Gesellschaft befand. Wie oft waren diese auch Tage später noch immer voll. Voll mit gut erhaltenen Büchern, tadelloser Kleidung, unbenutztem Geschirr und sonstigen Dingen, die selbst kostenlos offenbar niemand mehr haben möchte. Mich macht dieser Umstand immer wieder aufs Neue betroffen. Für mich sind aussortierte Gegenstände nicht zwangsweise tot. Für mich steht selbst hinter dem abgelegten Baumwollshirt noch immer der Respekt vor der Schöpfung, in diesem Fall vor dem Gossypium, aus dessen Samenhaaren die Faser für ein Shirt gewonnen wurde. Und für mich wird es an dieser Stelle oft in zweifacher Hinsicht emotional schwierig: Der Minimalist in mir kämpft dagegen, Sachen nur deshalb in meinen Besitz zu integrieren, weil sie umsonst (gewesen) sind. Der Recycler möchte ausrangierte Gegenstände fremder Menschen einsammeln und einem guten Zweck wie den lokalen Gebrauchtwarenhäusern zuzuführen. Doch kann man auf diese Weise die Welt retten?

Ihr seid dann mal weg
Fest steht, die Haustürentsorgung hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Zumindest in unserem Stadtteil. „Aus den Augen, aus dem Sinn“ scheint hier die Devise zu lauten. Gestern Abend hat der Verweigerer und Aussortierer in mir verloren.

Konsumkritik

Stop The Fucking Konsum – Häuserwand in unserem Stadtteil

Den Rest der blauen Tasche habe ich am Ende ebenfalls mitgenommen. Und irgendwie scheint es das Schicksal dabei verdammt gut mit mir gemeint zu haben. Die Marken-Hose ist nahezu ungetragen und passt wie angegossen, der Schal auch. Ein Hemd von Seidensticker nenne ich seit wenigen Stunden ebenso mein Eigen wie einen nagelneuen Rock. Die übrigen Kleidungsstücke werde ich nicht behalten. Ein Drittel spende ich dem Secondhandladen von Diakonia. Ein weiteres Drittel ist unansehnlich sowie voller Löcher und wandert noch heute in einen Sammelcontainer für Textilabfälle.

Dann drehen Herr M21er und ich wieder unsere Abendrunde.