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#MoreMoments 8: Weniger Luxus, mehr Freizeit. Sabbatical in Afrika

„Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen.“ Über diese unerfüllte Sehnsucht sang Udo Jürgens schon in den 1980er Jahren. Stefanie und Birgit haben jenem Gefühl nachgegeben. Beide haben ihren Beruf als Journalistin beziehungsweise als Ärztin gekündigt und sich auf das Abenteuer Auszeit begeben. Zusammen mit der Blauen Elise touren die Frauen durch Afrika – und lassen Gleichgesinnte auf ihrem Blog Giraffe 13 daran teilhaben. Ihre Freude und Dankbarkeit geben die Münchnerinnen auch in anderer Form weiter: Mit einer Spendenaktion für Ärzte ohne Grenzen. Im Interview erfahrt Ihr mehr über den ungewöhnlichen Roadtrip, die minimalistische Reise mit leichtem Gepäck und wie sich die Sicht auf persönliche Gegenstände und Besitz im Sabbatical verändert hat.

Wann und wo habt Ihr Euch mit dem Afrika-Virus infiziert? Seit wann und bis wann seid Ihr unterwegs?
Stefanie zog es schon immer nach Afrika, ich habe mich mitreißen lassen. 2009 war es dann soweit. Unsere erste Reise ging nach Namibia. Im Mietwagen von Lodge zu Lodge. Von Windhoek fuhren wir über den Spreethogtepass in die Berge. Oben angekommen blickten wir zum ersten Mal in die endlose Weite der Namibwüste. Kein Mensch weit und breit. Ein unvergesslicher Moment. Es blieb ein Urlaub der Superlative. Die roten Sossusvleidünen, Delfine im Atlantik, Wüstenelefanten im Damaraland und schließlich die erste Safari. Im Etosha Nationalpark: Zebras, Antilopen, Nashörner und Löwen. Und die ersten Giraffen in freier Wildbahn. Davon wollten wir mehr. 2010 ging es nach Botswana. 2011 zum ersten Mal mit Geländewagen und Dachzelt. Und 2012 nach Sambia und Malawi. Dann war der Fall klar. Wir wollten im eigenen Auto ein Jahr durch Afrika reisen. Und sind nun seit Dezember 2016 unterwegs.

Natur und Tieraufnahmen zählen für Stefanie zu den liebsten Motiven. © Giraffe 13

Woher kommt die Vanlife-Liebe?
Wir hatten beide mit Campen nicht viel am Hut, sind erst in Afrika auf den Geschmack gekommen. Die Campingplätze auf unserer Reise 2011 durch Südafrika und Nambia waren sensationell, unvorstellbar viel Platz, den wir oft für uns ganz alleine hatten. Um so schockierter waren wir, als wir im Anschluss erstmals in Europa unterwegs waren und in Bregenz mehr oder weniger auf einem überfüllten Parkplatz standen. Erst mit dem Kauf unseres Land Rover Defenders hat unsere Vanlife-Liebe richtig begonnen. Baut man seinen Camper selbst aus, verbindet das doch sehr. Miteinander. Und mit dem Auto, das wir blaue Elise getauft haben. Mit der Zeit haben wir gelernt, auch in Europa schöne Stellplätze zu finden.

Ihr habt Euch seit 2012 auf diese Reise vorbereitet: Was waren die wichtigsten Meilensteine?
Der wichtigste Schritt war der Kauf unseres Reisemobils. Zwei Jahre haben wir nach einem gebrauchten Defender gesucht. Als bekannt wurde, dass die Produktion 2015 eingestellt werden sollte, schossen die Preise für Landys ins Unermessliche. Also haben wir – nur zum Spaß – einen Termin zum Neuwagenkauf vereinbart. Und festgestellt, dass der Wagen ohne viel Schnickschnack nur unwesentlich teurer als die Gebrauchten war. Am 26.6.2014 war es dann soweit. Wir sahen schon von Weitem den blauen Defender mit weißem Dach. Stiegen ein. Und wussten: Es ist eine blaue Elise. Stück für Stück haben wir sie ausgebaut und unsere Reise vorbereitet. Nach einem „frustanen“ Tag im März 2016, an dem uns klar wurde, wie kompliziert der bürokratische Aufwand einer solchen Auszeit ist, haben wir das einzig Richtige getan: Wir haben eine gute Flasche Wein geköpft und ein One-way-Ticket nach Kapstadt gebucht. Abflug 8.12.2016.

Wie viel (Prozent Eures) Besitz(es) habt Ihr ungefähr ausgemistet? Was fiel leicht, was war schwer?
Ich wünschte, es wäre ein Drittel. Wahrscheinlich war es aber nur ein Viertel. Nun steht all unser Hab und Gut verpackt in Kisten. Und wir haben beschlossen, beim Auspacken noch einmal kritisch zu überprüfen, was wirklich wieder ins Regal kommt. Schwer war eigentlich nur der Anfang. Dann wurde „Ausmisten“ beinahe zur Sucht. Mit jedem Teil, das rausflog, fühlten wir uns leichter. Und freier.

Wie hat sich Eure Sicht auf Besitz und persönliche Gegenstände seitdem verändert?
Enorm, würde ich sagen. Uns beiden ist gar nicht so recht aufgefallen, wie schnell man im Alltag dazu neigt, einen schlechten Arbeitstag mit Konsum zu kompensieren. Ein Buch hier, eine neue CD dort. Man schlittert da irgendwie rein. Eben war ich noch Studentin mit zwei Umzugskartons, und wenige Jahre später haben wir eine Dreizimmerwohnung voller Plunder. Es hat fast ein Jahr gedauert, den „überflüssigen“ Krempel wieder loszuwerden. Für uns ist seitdem klar: Das passiert uns kein zweites Mal. Ziel ist es, den Alltag so zu gestalten, dass gar kein Frust mehr aufkommt. Und jede mögliche Neuanschaffung kritisch zu hinterfragen.

Mit wie vielen Dingen/ wie viel Kilos seid Ihr aktuell unterwegs?
Im Wesentlichen haben wir sieben Kisten in der Elise. Der Großteil ist – wie es sich für zwei Frauen gehört – Werkzeug und Ersatzteile fürs Auto. Wir haben eine große Küchenkiste und eine für die Vorräte. Und jeder hat einen kleinen Schrank für Klamotten; wobei wir feststellen, dass zwei T-Shirts weniger auch gereicht hätten. Außer einem Kniffelbecher und zwei Notizbüchern haben wir ausschließlich Alltagsgegenstände dabei. Trotzdem vermissen wir nichts.

Birgit und Stefanie sind die Weltenbummlerinnen hinter Giraffe 13 © Giraffe 13

Gibt es wirklich nichts, was Ihr in Afrika (aus der Heimat) vermisst?
Aufgrund der hohen Kriminalitätsrate wird im Grunde überall empfohlen, nach Einbruch der Dunkelheit im Camp zu sein. Oder sich, wenn nötig, nur mit dem Auto durch die Orte zu bewegen. Deshalb fehlt uns beiden am meisten, nach einem schönen Abendessen gemütlich durch die Stadt nach Hause zu bummeln. Gerne auch mal händchenhaltend. Aber Homosexualität ist eigentlich in ganz Afrika ein Tabu. Oder gar verboten. Da wir als zwei Frauen überall viel Aufmerksamkeit und gelegentlich auch Unverständnis auf uns ziehen, werden in schwierigen Fällen auch mal Ehemann und Kinder erfunden. So fallen wir meist auf und müssen uns trotzdem immer verstecken. Das erhöht die Sehnsucht danach, einfach mal in der Masse unterzugehen. Und dazu am liebsten noch eine Butterbreze.

Wie haben Freunde und Familie sowie Vorgesetzte auf Eurem Wunsch nach einem Sabbatical reagiert? Was war Eure persönliche Motivation?
Wir haben beide bewusst gekündigt und kein Sabbatical beantragt, damit wir ohne festes Rückreisedatum fahren können. Genau darum ging es uns. Noch einmal, mit fast vierzig, alle Bindungen lösen und sich vom Leben überraschen lassen. Man kann sicherlich besser loslassen, wenn nicht schon der nächste Arbeitsvertrag in der Schublade wartet. In Nullkommanix hat einen dann der alte Trott wieder. Fürchte ich.

War es schwer für Euch, aus der „Otto-Normalbiographie“ (Jobs, Besitz etc.) auszusteigen? Wie seid Ihr mit Zweifeln und Unsicherheit umgegangen?
Es war ein rechtes Auf und Ab der Gefühle. Mal waren wir voller Abenteuerlust und Vorfreude. Dann wieder haben wir uns ganz schön ins Hemd gemacht. Mit dem Abflugtermin war für uns beide klar: Nun gibt es kein Zurück mehr. Alle Probleme und Schwierigkeiten, in der Regel waren das bürokratische, mussten gelöst werden. Unsicherheiten wurden besprochen. Das Gute ist, dass bei uns immer nur einer die Nerven verliert. Und dann der andere die Führung übernimmt. Wirkliche Zweifel an dem Plan gab es nicht. Wir waren beide an einem Punkt, wo wir unseren Alltag, so wie er war, nicht fortsetzen wollten.

Unendliche Weiten und der Blick über den Tellerrand – neue Perspektiven im Sabbatical © Giraffe 13

Was habt Ihr in den letzten Monaten über Euch selbst und das Leben gelernt?
Die wichtigste Lektion ist, dass es keine unlösbaren Probleme gibt. Wir haben beide deutlich mehr Vertrauen in unsere Fähigkeiten. Auf so einer Reise bleibt einem gar nichts anderes übrig, als anstehende Schwierigkeiten einfach zu regeln. Es tut ja kein anderer für einen. Das fängt an mit dem Wiederbefüllen einer deutschen Gasflasche. Da es nicht überall den passenden Adapter gibt, ist das eigentlich jedes Mal eine Herausforderung. Ein Wackelkontakt am Kühlschrank. Optimierung unserer Tarpkonstruktion. Kaputte Hecktür. Oder auch das Schweißenlassen eines Dachgepäckträgers in Malawi. Irgendwas ist immer. Und in der Regel schnaufen wir nur noch einmal durch. Und tun, was zu tun ist. In Deutschland habe ich mir immer in der Theorie den Kopf zerbrochen. Über Alltägliches. Versicherungen. Oder was weiß ich. Dafür habe ich nun gar keine Zeit mehr. Und in Afrika lernt man natürlich schnell, auf welch hohem Niveau wir jammern. Dadurch bin ich viel dankbarer für alles, was ich habe. Und das ist eine ganze Menge.

Was empfehlt Ihr Menschen, die ebenfalls ein Sabbatical planen – sich aber nicht „trauen“?
Augen zu und durch. Das Wichtigste ist, so haben wir das beide empfunden, den Tag der Abreise festzusetzen. Am besten auch gleich allen davon erzählen. Das erschwert den Weg zurück. Wer will sich schon die Blöße geben, einen Rückzieher zu machen.

Warum sollte man ein Sabbatical machen?
Ich glaube, es kann sich lohnen, mal über den Tellerrand hinaus zu gucken. Dadurch lernt man wahnsinnig viel über sich selbst. Und entdeckt vielleicht sogar ganz neue Seiten an sich. Trotzdem ist so ein großer Schritt leichter mit einem gewissen Leidensdruck. Finde ich. Ist man gerade rundum zufrieden mit sich und seinem Leben, ist es vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt.

Wo seid Ihr gerade unterwegs? Was ist die nächste Station?
Wir sind gerade in Uganda und hoffen, dass es in Kenia nach kurzen Unruhen rund um die Präsidentschaftswahl nun weiter ruhig bleibt. Nachdem die Serengeti in Tansania ganz klar eines unserer Highlights war, wollen wir unbedingt den kenianischen Teil dieses Naturschutzgebietes, die Masai Mara, besuchen. Und versuchen, die great migration (die Wanderung der letzten großen Gnuherde), ein zweites Mal zu beobachten.

Wie geht es weiter, wenn Ihr wieder in München seid?
Richtig klar ist uns das, ehrlich gesagt, noch nicht. Wir sind uns nur einig, dass wir unsere neu gewonnene Freiheit nicht so schnell wieder hergeben wollen. Es hat doch ein gutes halbes Jahr gedauert, bis wir uns wirklich frei gestrampelt hatten. Im Klartext heißt das, dass wir beide versuchen werden, uns selbstständig zu machen. Stefanie möchte gerne zu ihren journalistischen Wurzeln zurückkehren und ich werde mich als Ärztin in eigener psychotherapeutischer Praxis niederlassen. Wir haben gelernt, wie wenig wir zum Leben brauchen. Die Devise ist also klar: Soviel Freizeit wie möglich. Dafür verzichten wir gerne auf den einen oder anderen Luxus.

Wer noch mehr über die beiden Mädels und ihren blauen Landy wissen möchte, findet Giraffe 13 auch auf Facebook und YouTube sowie auf Instagram

Alle Abbildungen © Giraffe 13.

More Moments
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3 Kommentare

    • Herr M21er
      Herr M21er sagt

      Freut uns, liebe Gabi, dass Dir das Interview ebenso gut gefallen hat wie uns – zeigt es wieder einmal, was wirklich zählt: Die Lebenszeit, die einem geschenkt worden ist, gut zu nutzen. Das ist der wahre Luxus!
      Doch herauszufinden, was einen wirklich erfüllt, zufrieden und glücklich macht, ist manchmal gar nicht so einfach…
      Hat man sich jedoch erst einmal von einer lähmenden Schicht aus unnötigem Krempel befreit, besteht die reelle Chance, dies für sich und seine Lebensführung herauszufinden; das ist (für uns) das eigentliche Ziel von Minimalismus.
      Deshalb freuen wir uns umso mehr, wenn wir in unserer Blogreihe #MoreMoments solch inspirierende Menschen wie Birgit und Steffi vorstellen dürfen!

      Beste Grüße – Herr M21er

  1. Hallo Ihr Lieben,
    vielen Dank, dass wir unsere Geschichte erzählen durften. Und wenn wir damit TVDuell-Abende versüßen, freut uns das umso mehr. Lieben Dank für das nette Feedback.

    Wir haben uns gerade entschlossen von Kenia aus nicht zurückzuschiffen, sondern lieber noch mal eine Runde schöner Lebenszeit zu drehen und wieder Richtung Kapstadt zu fahren. Unser Afrika-Abenteuer geht also weiter.

    Lieben Gruß nach München,
    Steffi

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