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Nachlese: Wir hier draußen (Andrea Hejlskov)

„Wir haben keine normalen Jobs, kein normales Einkommen, wir haben kein Geld oder besonders viel Besitz (man könnte sagen, wir haben ihn auf das Notwendigste reduziert), aber wir haben jede Menge Zeit und unsere Freiheit. Das würden wir nie wieder eintauschen wollen.“

Was die Dänin Andrea Hejlskov hier beschreibt, klingt im ersten Moment wie eine wildromantische Form von Minimalismus: Freiheit, Unabhängigkeit, sein eigener Herr sein. Doch es gibt eine Geschichte dahinter, eine wahre, beschwerliche Geschichte. Eine Geschichte, die erzählt, wie Andrea und ihr Mann Jeppe ihr altes Leben auf den Kopf stellten, ihre Jobs und die Wohnung kündigten und mit vier Kindern Zivilisation und „Normalbiographie“ gegen Wildnis und Waldhütte in Schweden tauschten. „Wir hier draußen. Eine Familie zieht in den Wald“ zeichnet den radikalen Ausstieg der Familie zum ersten Mal in deutscher Übersetzung auf rund 300 Seiten nach. Und dem Leser wird schnell klar: Dieses Buch aus dem mairisch Verlag ist Aufbruch und Aufschrei in einem.

Andrea Hejlskov: Wir hier draußen

Einfach einfach leben?
Dabei beginnt alles ganz harmlos. Nämlich mit einer poetischen, fast lyrisch anmutenden Sprache. Mit einem Cover und einem Titel, die nicht sofort erahnen lassen, dass Bilder und Worte nur Deckmantel für eine trügerische Idylle sein können. Denn die Familie zieht nicht in den Wald, sie flüchtet. Eine Flucht, um sich selbst zu finden, eine Auszeit von der modernen Welt des 21. Jahrhunderts, in welcher die Menschen offenbar einen permanenten Kontrollverlust erfahren: Über das Eigentum am eigenen Leben, über die Freiheit, Entscheidungen zu treffen, ja selbst über die Freiheit des Geistes.

Dazu kommen mangelnde analoge Momente, unmittelbares, echtes Erleben sowie eine greifbare Form von Seelenschmerz. Das alles soll der Wald „therapieren“, dem sich Andrea und ihre Familie in einer winzigen Hütte von 16 m² förmlich einverleiben. Zwei Räume, die die Personen näher zu sich selbst und zueinander führen – in einer Mixtur aus Veränderung, Rebellion und dem Abschied von bisherigen Lebensträumen. Aber auch in der Erkenntnis, dass ein einfaches Leben nicht grundsätzlich einen Wandel nach sich zieht. Dass man in vielen Fällen noch immer von denselben Strukturen umgeben und Aussteigen nicht per se der Schlüssel zum Glück ist. Und dass Veränderung die einzige Konstante im Leben bildet.

Die Natur im Wandel: Auch ein Abbild für das menschliche Dasein. Screenshot von Andreas Instagram-Account @ andreahejlskov

Leben in Wald und Flur für mehr Achtsamkeit
Das alles drückt sich in einer vielfältigen Sprache aus, die zwischen Ich-Erzählung, Auszügen aus Andreas Blog, direkter Ansprache, szenischen Elementen und dem verbalen, angstvollen Bemühen der Autorin schwankt, um jeden Preis ihre Authentizität zu bewahren. Je mehr Eltern und Kinder jedoch zu sich selbst finden, desto ruhiger, lesbarer wird die Ausdrucksweise. So war unser erstes Jahr im Wald: Eine nicht endende Abfolge von alltäglichen Verrichtungen, verzwirnt mit einer nicht endenden Kette von abstrakten Gedanken, bilanziert die studierte Psychologin im ersten Drittel.

Die permanente Selbsttherapie der Mutter ist schmerzhaft und anstrengend, das Paarverhältnis ebenfalls, und das Glück selbst im Wald nur ein flüchtiger Geselle. Dazu kommen Dinge, die den Alltag grau erscheinen lassen, so grau wie einst das alte Leben, nur anders getüncht. Selbst oder sogar in der (vermeintlichen) Freiheit lauert das Paradoxon Desillusionierung an zahlreichen Ecken. Weil die Ablenkungen der Gesellschaft fehlen, werden alle Beteiligten noch stärker auf sich selbst zurückgeworfen in ihrem Versuch, das alte Leben wegzuwerfen. Und so manches Mal kommt beim Lesen der Gedanke hoch: Hätte man dafür in den Wald gehen müssen? Oder um es mit den Worten der Protagonisten zu sagen: Gibt es keine Möglichkeit, in der Natur zu leben und gleichzeitig Teil der Gesellschaft zu sein?

Human Rewilding: Andrea und ihr Mann versuchen, sich wieder mit grundlegenden menschlichen Emotionen zu verbinden © www.mairisch.de

Tatsächlich liegt, so eine Erkenntnis, das Glück auch bis zu einem gewissen Maße und Zeitpunkt im Konsum: Eins kann ich über das Leben ohne festes Einkommen sagen – es ist nicht so schwer, wie ich geglaubt hatte. Wir verhungerten nicht. Auf die Luxusgüter zu verzichten ist das, was schwerfällt: Milch, Kaffee, Schokolade, Tabak – und Weihnachtsgeschenke. Tatsächlich haben die vier Kinder unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche, die zu starken Konflikten und Auseinandersetzungen untereinander führen. Sich vom bisherigen Leben zu entprogrammieren, den bisherigen Lebensstandard zu senken, zu containern, zu hungern und stellenweise gar verzweifelt zu hausen, ist alles andere als rosarot. Wir hier draußen verdeutlicht das in brutaler Härte, zeigt die Schattenseiten einer „Außenwelt“ ohne Bürokratie, die einen genauso in den Sog zieht wie am Ende wieder erleichtert ausspuckt.

Das Leben im Wald versprüht eine hyggelige Atmosphäre. Screenshot von Andreas Instagram-Account @ andreahejlskov

Minimalismus als Abkehr von der Zivilisation
Ich kann nicht mit mir selbst leben. Ich habe die Büchse der Pandora aufgemacht und weiß nicht, wie ich sie wieder zubekommen soll, schreibt Andrea im letzten Drittel. Seitdem ist mehr als ein halbes Jahrzehnt vergangen. Obwohl das Buch am Ende unabgeschlossen wirkt, hat die Familie nach sechs Jahren in der Wildnis ihren Platz gefunden und ihren Traum verfeinert. Sie leben wieder näher an ihrer Heimat Dänemark, wo sie u.a. ihr Selbstversorger-Dasein leichter umsetzen können – ohne Bad, Kühlschrank oder andere moderne Geräte. Aber auch ohne Heerscharen von Besuchern, die am alten Standort vorbeikamen. Die älteren Kinder sind inzwischen ausgezogen. Ihr Fazit im Gespräch mit dem Verlag: (W)ir wollen einfach in Ruhe dieses Leben führen und darüber dann sprechen, wenn wir es wollen.

Alle Zitate – soweit nicht anders angegeben – nach Andrea Hejlskov: Wir hier draußen. Eine Familie zieht in den Wald. mairisch Verlag, Hamburg 2017, 296 Seiten (20,00 Euro als Hardcover)

Alle Abbildungen © www.mairisch.de.

Für das Rezensionsexemplar (Druck-PDF/ Buch) bedanken wir uns beim mairisch Verlag.

Auch dieses Mal geben wir unser gebundenes Rezensionsexemplar gerne an Euch weiter. Verratet uns doch, ob Ihr selbst einen Ausstieg (auf Zeit) plant oder von welchen alternativen Lebensmodellen Ihr träumt. Jeder Kommentar samt E-Mail-Adresse (auf dem Blog nicht öffentlich sichtbar!) oder unter dem entsprechenden Facebook-Beitrag wandert in den Lostopf. Teilnahmeschluss ist der 24. September 2017. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Umtausch oder Barauszahlung des Gewinns sind nicht möglich. Teilnahmeberechtigt sind Personen ab 18 Jahren. Viel Glück!

#MoreMoments 8: Weniger Luxus, mehr Freizeit. Sabbatical in Afrika

„Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen.“ Über diese unerfüllte Sehnsucht sang Udo Jürgens schon in den 1980er Jahren. Stefanie und Birgit haben jenem Gefühl nachgegeben. Beide haben ihren Beruf als Journalistin beziehungsweise als Ärztin gekündigt und sich auf das Abenteuer Auszeit begeben. Zusammen mit der Blauen Elise touren die Frauen durch Afrika – und lassen Gleichgesinnte auf ihrem Blog Giraffe 13 daran teilhaben. Ihre Freude und Dankbarkeit geben die Münchnerinnen auch in anderer Form weiter: Mit einer Spendenaktion für Ärzte ohne Grenzen. Im Interview erfahrt Ihr mehr über den ungewöhnlichen Roadtrip, die minimalistische Reise mit leichtem Gepäck und wie sich die Sicht auf persönliche Gegenstände und Besitz im Sabbatical verändert hat.

Wann und wo habt Ihr Euch mit dem Afrika-Virus infiziert? Seit wann und bis wann seid Ihr unterwegs?
Stefanie zog es schon immer nach Afrika, ich habe mich mitreißen lassen. 2009 war es dann soweit. Unsere erste Reise ging nach Namibia. Im Mietwagen von Lodge zu Lodge. Von Windhoek fuhren wir über den Spreethogtepass in die Berge. Oben angekommen blickten wir zum ersten Mal in die endlose Weite der Namibwüste. Kein Mensch weit und breit. Ein unvergesslicher Moment. Es blieb ein Urlaub der Superlative. Die roten Sossusvleidünen, Delfine im Atlantik, Wüstenelefanten im Damaraland und schließlich die erste Safari. Im Etosha Nationalpark: Zebras, Antilopen, Nashörner und Löwen. Und die ersten Giraffen in freier Wildbahn. Davon wollten wir mehr. 2010 ging es nach Botswana. 2011 zum ersten Mal mit Geländewagen und Dachzelt. Und 2012 nach Sambia und Malawi. Dann war der Fall klar. Wir wollten im eigenen Auto ein Jahr durch Afrika reisen. Und sind nun seit Dezember 2016 unterwegs.

Natur und Tieraufnahmen zählen für Stefanie zu den liebsten Motiven. © Giraffe 13

Woher kommt die Vanlife-Liebe?
Wir hatten beide mit Campen nicht viel am Hut, sind erst in Afrika auf den Geschmack gekommen. Die Campingplätze auf unserer Reise 2011 durch Südafrika und Nambia waren sensationell, unvorstellbar viel Platz, den wir oft für uns ganz alleine hatten. Um so schockierter waren wir, als wir im Anschluss erstmals in Europa unterwegs waren und in Bregenz mehr oder weniger auf einem überfüllten Parkplatz standen. Erst mit dem Kauf unseres Land Rover Defenders hat unsere Vanlife-Liebe richtig begonnen. Baut man seinen Camper selbst aus, verbindet das doch sehr. Miteinander. Und mit dem Auto, das wir blaue Elise getauft haben. Mit der Zeit haben wir gelernt, auch in Europa schöne Stellplätze zu finden.

Ihr habt Euch seit 2012 auf diese Reise vorbereitet: Was waren die wichtigsten Meilensteine?
Der wichtigste Schritt war der Kauf unseres Reisemobils. Zwei Jahre haben wir nach einem gebrauchten Defender gesucht. Als bekannt wurde, dass die Produktion 2015 eingestellt werden sollte, schossen die Preise für Landys ins Unermessliche. Also haben wir – nur zum Spaß – einen Termin zum Neuwagenkauf vereinbart. Und festgestellt, dass der Wagen ohne viel Schnickschnack nur unwesentlich teurer als die Gebrauchten war. Am 26.6.2014 war es dann soweit. Wir sahen schon von Weitem den blauen Defender mit weißem Dach. Stiegen ein. Und wussten: Es ist eine blaue Elise. Stück für Stück haben wir sie ausgebaut und unsere Reise vorbereitet. Nach einem „frustanen“ Tag im März 2016, an dem uns klar wurde, wie kompliziert der bürokratische Aufwand einer solchen Auszeit ist, haben wir das einzig Richtige getan: Wir haben eine gute Flasche Wein geköpft und ein One-way-Ticket nach Kapstadt gebucht. Abflug 8.12.2016.

Wie viel (Prozent Eures) Besitz(es) habt Ihr ungefähr ausgemistet? Was fiel leicht, was war schwer?
Ich wünschte, es wäre ein Drittel. Wahrscheinlich war es aber nur ein Viertel. Nun steht all unser Hab und Gut verpackt in Kisten. Und wir haben beschlossen, beim Auspacken noch einmal kritisch zu überprüfen, was wirklich wieder ins Regal kommt. Schwer war eigentlich nur der Anfang. Dann wurde „Ausmisten“ beinahe zur Sucht. Mit jedem Teil, das rausflog, fühlten wir uns leichter. Und freier.

Wie hat sich Eure Sicht auf Besitz und persönliche Gegenstände seitdem verändert?
Enorm, würde ich sagen. Uns beiden ist gar nicht so recht aufgefallen, wie schnell man im Alltag dazu neigt, einen schlechten Arbeitstag mit Konsum zu kompensieren. Ein Buch hier, eine neue CD dort. Man schlittert da irgendwie rein. Eben war ich noch Studentin mit zwei Umzugskartons, und wenige Jahre später haben wir eine Dreizimmerwohnung voller Plunder. Es hat fast ein Jahr gedauert, den „überflüssigen“ Krempel wieder loszuwerden. Für uns ist seitdem klar: Das passiert uns kein zweites Mal. Ziel ist es, den Alltag so zu gestalten, dass gar kein Frust mehr aufkommt. Und jede mögliche Neuanschaffung kritisch zu hinterfragen.

Mit wie vielen Dingen/ wie viel Kilos seid Ihr aktuell unterwegs?
Im Wesentlichen haben wir sieben Kisten in der Elise. Der Großteil ist – wie es sich für zwei Frauen gehört – Werkzeug und Ersatzteile fürs Auto. Wir haben eine große Küchenkiste und eine für die Vorräte. Und jeder hat einen kleinen Schrank für Klamotten; wobei wir feststellen, dass zwei T-Shirts weniger auch gereicht hätten. Außer einem Kniffelbecher und zwei Notizbüchern haben wir ausschließlich Alltagsgegenstände dabei. Trotzdem vermissen wir nichts.

Birgit und Stefanie sind die Weltenbummlerinnen hinter Giraffe 13 © Giraffe 13

Gibt es wirklich nichts, was Ihr in Afrika (aus der Heimat) vermisst?
Aufgrund der hohen Kriminalitätsrate wird im Grunde überall empfohlen, nach Einbruch der Dunkelheit im Camp zu sein. Oder sich, wenn nötig, nur mit dem Auto durch die Orte zu bewegen. Deshalb fehlt uns beiden am meisten, nach einem schönen Abendessen gemütlich durch die Stadt nach Hause zu bummeln. Gerne auch mal händchenhaltend. Aber Homosexualität ist eigentlich in ganz Afrika ein Tabu. Oder gar verboten. Da wir als zwei Frauen überall viel Aufmerksamkeit und gelegentlich auch Unverständnis auf uns ziehen, werden in schwierigen Fällen auch mal Ehemann und Kinder erfunden. So fallen wir meist auf und müssen uns trotzdem immer verstecken. Das erhöht die Sehnsucht danach, einfach mal in der Masse unterzugehen. Und dazu am liebsten noch eine Butterbreze.

Wie haben Freunde und Familie sowie Vorgesetzte auf Eurem Wunsch nach einem Sabbatical reagiert? Was war Eure persönliche Motivation?
Wir haben beide bewusst gekündigt und kein Sabbatical beantragt, damit wir ohne festes Rückreisedatum fahren können. Genau darum ging es uns. Noch einmal, mit fast vierzig, alle Bindungen lösen und sich vom Leben überraschen lassen. Man kann sicherlich besser loslassen, wenn nicht schon der nächste Arbeitsvertrag in der Schublade wartet. In Nullkommanix hat einen dann der alte Trott wieder. Fürchte ich.

War es schwer für Euch, aus der „Otto-Normalbiographie“ (Jobs, Besitz etc.) auszusteigen? Wie seid Ihr mit Zweifeln und Unsicherheit umgegangen?
Es war ein rechtes Auf und Ab der Gefühle. Mal waren wir voller Abenteuerlust und Vorfreude. Dann wieder haben wir uns ganz schön ins Hemd gemacht. Mit dem Abflugtermin war für uns beide klar: Nun gibt es kein Zurück mehr. Alle Probleme und Schwierigkeiten, in der Regel waren das bürokratische, mussten gelöst werden. Unsicherheiten wurden besprochen. Das Gute ist, dass bei uns immer nur einer die Nerven verliert. Und dann der andere die Führung übernimmt. Wirkliche Zweifel an dem Plan gab es nicht. Wir waren beide an einem Punkt, wo wir unseren Alltag, so wie er war, nicht fortsetzen wollten.

Unendliche Weiten und der Blick über den Tellerrand – neue Perspektiven im Sabbatical © Giraffe 13

Was habt Ihr in den letzten Monaten über Euch selbst und das Leben gelernt?
Die wichtigste Lektion ist, dass es keine unlösbaren Probleme gibt. Wir haben beide deutlich mehr Vertrauen in unsere Fähigkeiten. Auf so einer Reise bleibt einem gar nichts anderes übrig, als anstehende Schwierigkeiten einfach zu regeln. Es tut ja kein anderer für einen. Das fängt an mit dem Wiederbefüllen einer deutschen Gasflasche. Da es nicht überall den passenden Adapter gibt, ist das eigentlich jedes Mal eine Herausforderung. Ein Wackelkontakt am Kühlschrank. Optimierung unserer Tarpkonstruktion. Kaputte Hecktür. Oder auch das Schweißenlassen eines Dachgepäckträgers in Malawi. Irgendwas ist immer. Und in der Regel schnaufen wir nur noch einmal durch. Und tun, was zu tun ist. In Deutschland habe ich mir immer in der Theorie den Kopf zerbrochen. Über Alltägliches. Versicherungen. Oder was weiß ich. Dafür habe ich nun gar keine Zeit mehr. Und in Afrika lernt man natürlich schnell, auf welch hohem Niveau wir jammern. Dadurch bin ich viel dankbarer für alles, was ich habe. Und das ist eine ganze Menge.

Was empfehlt Ihr Menschen, die ebenfalls ein Sabbatical planen – sich aber nicht „trauen“?
Augen zu und durch. Das Wichtigste ist, so haben wir das beide empfunden, den Tag der Abreise festzusetzen. Am besten auch gleich allen davon erzählen. Das erschwert den Weg zurück. Wer will sich schon die Blöße geben, einen Rückzieher zu machen.

Warum sollte man ein Sabbatical machen?
Ich glaube, es kann sich lohnen, mal über den Tellerrand hinaus zu gucken. Dadurch lernt man wahnsinnig viel über sich selbst. Und entdeckt vielleicht sogar ganz neue Seiten an sich. Trotzdem ist so ein großer Schritt leichter mit einem gewissen Leidensdruck. Finde ich. Ist man gerade rundum zufrieden mit sich und seinem Leben, ist es vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt.

Wo seid Ihr gerade unterwegs? Was ist die nächste Station?
Wir sind gerade in Uganda und hoffen, dass es in Kenia nach kurzen Unruhen rund um die Präsidentschaftswahl nun weiter ruhig bleibt. Nachdem die Serengeti in Tansania ganz klar eines unserer Highlights war, wollen wir unbedingt den kenianischen Teil dieses Naturschutzgebietes, die Masai Mara, besuchen. Und versuchen, die great migration (die Wanderung der letzten großen Gnuherde), ein zweites Mal zu beobachten.

Wie geht es weiter, wenn Ihr wieder in München seid?
Richtig klar ist uns das, ehrlich gesagt, noch nicht. Wir sind uns nur einig, dass wir unsere neu gewonnene Freiheit nicht so schnell wieder hergeben wollen. Es hat doch ein gutes halbes Jahr gedauert, bis wir uns wirklich frei gestrampelt hatten. Im Klartext heißt das, dass wir beide versuchen werden, uns selbstständig zu machen. Stefanie möchte gerne zu ihren journalistischen Wurzeln zurückkehren und ich werde mich als Ärztin in eigener psychotherapeutischer Praxis niederlassen. Wir haben gelernt, wie wenig wir zum Leben brauchen. Die Devise ist also klar: Soviel Freizeit wie möglich. Dafür verzichten wir gerne auf den einen oder anderen Luxus.

Wer noch mehr über die beiden Mädels und ihren blauen Landy wissen möchte, findet Giraffe 13 auch auf Facebook und YouTube sowie auf Instagram

Alle Abbildungen © Giraffe 13.

More Moments
Du willst anderen Menschen zeigen, was Dein Leben erfüllt, was Dich wirklich glücklich macht und bereichert? Du „sammelst“ lieber schöne Momente als Dinge und verbringst Zeit mit etwas Wertvollerem als mit „compulsory consumption“? Dann melde Dich bei uns und erzähle Deine (Minimalismus-)Geschichte. Wir freuen uns auf Dich.

#MoreMoments. Was wirklich wertvoll ist im Leben. Die aktuelle Blogserie auf Minimalismus21. Alle (vorherigen) Teile der Serie findet ihr unter dem Suchbegriff #MoreMoments rechts oben (Lupe) und natürlich bei Twitter. Zu Teil 1 und Teil 2 sowie zu Teil 3, Teil 4, Teil 5 und Teil 6 bzw. Teil 7.

Warum ich mir Stille gekauft habe

„Does it spark joy?“ „Habe ich es im letzten (halben) Jahr benutzt?“ „Nur, was ich mag!“ „Project 333“: Es gibt unzählige Möglichkeiten, sich selbst auf seinem minimalistischen Weg zu (hinter-)fragen und zu motivieren. Minimalismus ist keine „One-Way-Challenge“, in der es nur einen, nämlich den einen, legitimen Weg gibt, an dessen Ende – äh – Milch und Honig warten. Womit wir in Sachen Wortspiel qua Thema schon in einer verbalen Sackgasse wären. Nun denn.
Jedenfalls: Ob ich jemals ausschließlich das besitzen werde, was ich regelmäßig benutze, was ich wertschätze und mag, steht in den Sternen. Das Leben ist ein steter Veränderungsprozess voller Meilensteine, in dem sich Interessen und Vorlieben wandeln können. Was wiederum Auswirkungen auf unsere Besitztümer und unseren Umgang mit ihnen hat. Herr M21er hat sich diesem Thema bereits in unserem ersten Bloggerjahr einmal genähert und 2013 die provokante Frage aufgeworfen, ob man Sammler und Minimalist zugleich sein kann. Aber lest selbst.

Heute drehe ich den Spieß ein weiteres Mal um. Denn in diesem Post geht es genau um einen jener Gegenstände, die „joy“ machen, die mir Freude bereiten, die nicht auf dem „Zu-verschenken-“, „Zu-verkaufen-“ oder dem „Weiß-nicht-Stapel“ vegetieren. Etwas, das übrigbleiben soll, obwohl ich längst noch nicht am Ende mit Ausmisten, Reduzieren, Spenden, Verschenken und Co. bin.  Etwas, das ein Lieblingsstück ist. Und etwas, das ich mir tatsächlich erst vor ein paar Monaten gekauft habe.

Das Objekt der Begierde
Machen wir es kurz: Ein Kopfhörer. Besondere Kennzeichen: Over-Ear-Modell und Noise-Cancelling-Technologie etc. Mikrofone im Kopfhörer nehmen die Außengeräusche auf. Sie werden von der Elektronik im Modell invertiert und über die Lautsprecher so wiedergegeben, dass sich Stör- und invertierte Schallwelle aufheben. Im Ideallfall versteht sich. Mehr Informationen sind für diesen Beitrag nicht notwendig. Wer Sponsoring und Werbung wittert, den muss ich enttäuschen. Selbst das Beitragsbild ist symbolisch gewählt und lässt keine Schlüsse auf Marke, Moneten und Mehr zu.

Der Auslöser
Die Welt ist laut geworden. Verdammt laut. Und damit meine ich primär die Einflüsse, die von außen auf uns einprasseln. Selbst eine banale U-Bahn-Fahrt vergeht in der Regel nicht, ohne dass mir Werbung von Displays an Bahnsteigen und in den Zügen selbst entgegendröhnt. An zentralen Knotenpunkten schallt Musik aus den Lautsprechern, klassisch, um bestimmte Ziel-, nein, Randgruppen der Gesellschaft fernzuhalten, heißt es. Wo immer es möglich ist, menschliche Sinne in irgendeiner Weise anzusprechen, findet sich mittlerweile ein visuell-akustischer Weg.
Überhaupt die Akustik. Seit einigen Jahren begleitet der Großraum mein Arbeitsleben. Denn: „Als modern und zukunftsgewandt gilt, wer es so macht wie Google und Facebook, die offene Büros zum Standard erkoren haben. […] Doch inzwischen haben einige Firmen erkannt, wie schädlich ständige Erreichbarkeit sein kann – und schaffen wieder Rückzugsmöglichkeiten“, schreibt die Süddeutsche Zeitung in einem Artikel über Konzentration im Büro. In einigen Fällen schaffen sich Minimalisten jedoch kurzerhand ihren eigenen Silentiumraum, gegen Geld, gegen Konsum, gegen Bares oder EC-Karte. Gegen das Paradoxon, ein lärmendes Kennzeichen der Moderne durch einen Gang ins Kaufhaus auszuschalten zu müssen. Hier: zu wollen. Denn Augen kann man schließen. Ohren nicht. Fußnote: Im Office wird’s als Schreibttischtäter mit geschlossenen Lidern irgendwann auch erklärungsbedürftig.

Die Alternativen
Als meine Ohren in der embryonalen Entwicklungsphase an der Reihe waren, hat es Mutter Natur nicht allzu schlecht mit mir gemeint. Denn: Ich höre überdurchschnittlich gut. Jawohl. Ärztlich bestätigt und so. Aber: Keine Sonnenseite bekanntlich ohne Schatten. Denn in puncto Raumkonzept besitze ich quasi das Tiny House unter den Ohrlöchern. Viel Platz ist da einfach nicht. Und wer will ernsthaft einen Sechs-Personen-Haushalt in 20 m² pressen. Bildhaft gesprochen natürlich. Deswegen vielen Dank im Voraus für sämtliche Alternativ-Vorschläge: Ich habe schon Kinderohrstöpsel ums Südläppchen fliegen gesehen. InEar is nich!

Die Leidenschaft
Ja, ja, gerade noch in Sachen Lärm rumheulen und dann das. Fest steht: Ich liebe Hörspiele. Und Hörbücher. Seit ich denken kann. Zum Thema hatten der Herr M21er und ich sogar jahrelang eine Webseite. Bibi, Justus, Klößchen – in fremde Welten einzutauchen und spannenden Geschichten zu lauschen, liebe ich seit meiner Kindheit. Bürotratsch nicht.

Die Achtsamkeitsnummer
Wie ich zu Beginn geschrieben habe, gibt es viele Möglichkeiten, sein Konsumverhalten und seine Besitztümer kritisch zu beleuchten. Was mir hilft, ist die Frage, ob ich einen neuen Gegenstand geschenkt oder für einen geringen Betrag in mein Heim lassen würde. Ein weiterer wichtiger Faktor ist Zeit. Das weiß auch Diplompsychologe Dr. Hans-Georg Häusel. In einem Interview mit der Zeitschrift freundin (17/2017) empfielt er einen simplen Trick gegen überstürzte (Belohnungs-)Käufe: Schlafen Sie eine Nacht darüber, Sie können es ja morgen noch kaufen. Ist das Verlangen nach zwei Tagen noch da, wissen Sie: Das Produkt ist es wert, dass ich es kaufe.“ Und was soll ich sagen? Ich habe geschlafen, viel geschlafen. Und ich habe den Vorteil genutzt, in einem Technikunternehmen zu arbeiten. Danke Jungs, dass ich einen Noice-Cancelling-Kopfhörer lange vor der Kaufentscheidung auf Herz und Nieren testen konnte. Die dann übrigens im Black Friday gefallen ist, sozusagen der importierten Rabattschlacht aus Übersee.

Und jetzt?
Jetzt ist die Geschichte fast zu Ende, an deren Ende ich mir in spießiger Manier sogar eine fünfjährige Geräteversicherung gegönnt habe. Weil ich mir selten etwas neu, noch seltener etwas neues Hochwertiges in dieser Art leiste. Weil ich mich lange an meinen Kopfhörern erfreuen und gegen etwaige geplante Obsoleszenz gewappnet sein möchte. Die digitale Stille und mit ihr das Noice Cancelling funktioniert übrigens nicht bei allen Frequenzen. Bei höheren Stimmlagen kann man nur auf die Rücksicht der anderen setzen. Oder auf Rückzug. Alternativ die Titelmelodie der Drei Fragezeichen einfach mal ganz laut aufdrehen.

Warum, wann und wie wir konsumieren. Darüber schreiben wir auf Minimalismus21 ebenfalls.

Jetzt bist Du an der Reihe: Was hast Du Dir zuletzt gekauft? Was mistest Du auf gar keinen Fall aus? Erzähl es uns im Kommentarfeld. Wir sind gespannt!