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Minimalismus und Schwangerschaft: Ein Erfahrungsbericht

Als klar war, dass ich schwanger bin, war mir nicht bewusst, was da für ein Berg auf mich zurollt. In den ersten Monaten der Schwangerschaft gestaltete sich alles noch recht harmlos. Mein Mann fand im Internet Checklisten, die angeblich alles beinhalteten, was man für ein Kind braucht. Anfangs habe ich sie schlichtweg ignoriert und als amüsante Randnotiz wahrgenommen. Doch irgendwann fing ich an, die Empfehlungen ernst zu nehmen. Ich verspürte eine Art Druck, alles richtig machen zu wollen: Mein Kind sollte nicht mein Bedürfnis nach Einfachheit aufgestülpt bekommen. Und so fingen wir an, die Listen regelrecht abzuarbeiten. Wir kauften beispielsweise Pucktücher, die am Ende nur einmal zum Einsatz kamen. Oder Jacken, die so schlecht geschnitten waren, dass wir sie ungetragen weiterverkaufen mussten. Wir lernten unter anderem, dass man keinen speziellen Bauch-Gurt-Schoner im Auto braucht; ein einfaches Kissen tut es ebenfalls.

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Am schlimmsten waren aber nicht die Dinge, für die wir uns selber bewusst entschieden hatten, sondern die, die wir geschenkt bekamen. Ständig erhielten wir ungefragt neue Kleidung. Sie entsprach weder unserem Geschmack noch konnten wir einschätzen, was wir davon wirklich brauchten. Ich erinnere mich an ein Schlüsselerlebnis: Als ich sämtliche Geschenke auf dem Wickeltisch ausbreitete, konnte ich bei keinem sagen: „Das erkenne ich wieder. Das gehört mir beziehungsweise meinem Baby.“ Ab diesem Zeitpunkt tat ich zwei Dinge. Zum einen formulierte ich in aller Deutlichkeit, dass wir keine Kleidung mehr möchten. Weder in der nächsten Größe noch getarnt als Erinnerungsstück aus dem Urlaub; und auch nicht aus dem Angebot. Das war sicher äußerst schmerzhaft für unser nahes Umfeld. Zum anderen bin ich bewusst einkaufen gegangen und habe für mich und mein Kind Dinge ausgewählt, die ich wollte. Das hat sich mehr als befreiend angefühlt. Die kalte Dusche, welche wir damals allen verpasst haben, wirkt bis heute nach.

Minimalismus heißt, seine Bedürfnisse zu kennen
Manchmal werden unsere Eltern noch schwach. Mittlerweile erkennen sie jedoch, dass sie im Grunde nicht nach unserem, sondern nach ihrem Bedürfnis handeln. Verbieten können wir es ihnen zwar nicht, aber ein Bewusstsein für das Verhalten schaffen. Mein Tipp für den Kauf und Verkauf von Kleidung: Portale wie Mamikreisel, auf denen es Secondhandmode für Kinder gibt. Allerdings habe ich Dinge ebenso neu erworben, bei denen ich es sinnvoll fand. Bei mir hätte es zu Stress geführt, alles im Internet zusammenzusuchen. Denn beim Thema Minimalismus geht es für mich auch um Simplifizierung. Ein gesundes Mittelmaß ist hier sicher eine gute Lösung. Und das Bauchgefühl ist in der Schwangerschaft naturgemäß besonders gut ausgeprägt.

Schön, aber unbrauchbar für Babys: Kleine Socken bleiben selten bis gar nicht an Kinderfüßen. Lieber Hosen mit Fuß kaufen.

Schwangerschaft und Werbung
Ein anderer Bereich ist die Sintflut an Werbegeschenken.
Sie kommen meist nicht lose daher, sondern sind immer an eine Infobroschüre geklebt oder in ein hübsches Tütchen oder Köfferchen gepackt worden. Selbst an vermeintlich „sicheren“ Orten wie der Hebammenpraxis, beim Frauenarzt oder im Krankenhaus begegnen sie einem. Bis heute empfinde ich das als äußerst perfide. Es gibt dabei zwei Arten von Marketingkommunikationsstrategien: wohlwollender Helfer (Wir wollen nur das Beste für Dein Kind) und Angstauslöser (Verzichtest Du auf mein Produkt, hast Du mit negativen Konsequenzen für Dein Baby zu rechnen). Meine Lösung: Konsequent „Nein“ sagen. Als mein Kind geboren war, habe ich Dinge, die doch in unseren Besitz übergegangen sind, zunächst an mir getestet. Wurden sie für gut befunden, durften sie bleiben. Andernfalls wurden sie sofort entsorgt. Das führte natürlich zu hitzigen Diskussionen mit meinem Mann, der unter anderem auf den Wert der Dinge pochte. Dabei hatte er bereits völlig den Überblick verloren und merkte schlichtweg nicht, wenn etwas von den Pröbchen fehlte.

Was ist mir mein Kind wert
Wert ist ein gutes Stichwort. Kinder sind aus meiner Sicht das Wertvollste, was es auf der Erde gibt. Das wissen die Werbetreibenden und umgarnen einen mit entsprechenden Produkten. Zudem werden die absurdesten Dinge für Mütter und Babys kreiert. Und das zu stattlichen Verkaufspreisen. Ich muss immer noch lachen, wenn ich an den Müsliriegel für Stillende denke. Durch Zufall bin ich überdies auf den Grundpreis von einem Bio-Baby-Fencheltee aufmerksam geworden. Er überstieg den „normalen“ Bio-Fencheltee um das doppelte, obwohl der Inhalt beide Male schlichtweg Bio-Fenchelkörner waren. Die Drogeriemarktkette begründete das lapidar mit den „unterschiedlichen Qualitätsstufen verschiedener Herkunftsländer“. Hier gilt es mutig zu sein und einfach dem gesunden Menschenverstand zu vertrauen. Ja, sogar ich habe einmal ein Päckchen Stilltee gekauft. Aber nur um später zu der Erkenntnis zu gelangen, dass er weder milchfördernd ist noch besonders gut schmeckt.

Über die Autorin
Katrin ist 35 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter in Darmstadt. Während ihrer Schwangerschaft – und insbesondere im Mutterschutz – fing sie intuitiv an auszumisten. Durch verschiedene YouTuber wie Minimal Mimi oder yes to less bekam ihr Drang nach Weniger einen Namen: Minimalismus. Innerhalb eines halbes Jahres trennte sie sich von 1398 Dingen; 252 kamen im Nachgang dazu. Da die Autorin mit ihrem Mann zusammenlebt, mussten Kompromisse gefunden werden. Denn das Loslassen fällt ihr deutlich leichter als ihm. Bislang hat sie übrigens nur zwei Dingen nachgetrauert, die im Überschwang in der Altkleidersammlung gelandet sind. Katrin sagt von sich, keine Expertin zum Thema zu sein. Sie möchte aber gerne das anbieten, was ihr in ihrer Schwangerschaft häufig gefehlt hat: Neutrale Tipps und herzlichen Austausch. Bilder © Privat.

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Praxistipps Minimalismus: Mitmachen
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