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Nachlese: Minimalismus-Bloggertreffen 2013

Wir befinden uns im Jahre 2013 n. Chr. Ganz Essen ist von Sternenkriegern und Sales-Shoppern besetzt… Ganz Essen? Nein! Ein von unbeugsamen Minimalisten bevölkertes Unperfekthaus hört nicht auf, der Kraft der Medien und dem Konsum Widerstand zu leisten.

Ich fühle mich entschleunigt. Sehr entschleunigt. Und das trotz über zehn Stunden Zugfahrt, tropischer Hitze und schlechtem Schlaf. Das Karussell der letzten Monate hat sich am vergangenen Wochenende deutlich langsamer gedreht als sonst, obwohl wir beinahe einen ganzen Samstag lang geredet haben.

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Die Dachterrasse des Unperfekthauses

Wir, das sind Blogger und Leser aus ganz Deutschland, aus dem Süden und Norden, sind Herr M21er und ich, sind unbekannte Gesichter und die Menschen hinter den Geschichten und Texten, denen wir seit langer Zeit im Internet folgen.
Im Ruhrgebiet hat sich ein Teil von ihnen am 27. Juli beim Minimalismus-Bloggertreffen im  Unperfekthaus versammelt.

An Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit, singen die Toten Hosen in einem ihrer Lieder. Und ja, ich unterschreibe jede Zeile. Was haben wir gelacht und diskutiert, uns mit Gleichgesinnten und Seelenverwandten ausgetauscht, ohne einander vorher jemals begegnet zu sein. Anekdoten über ausgemistete Kochbücher und die Erwartungshaltung der anderen machen die Runde, Fotos über das Leben in einem einfachen Gartenhaus werden ebenso ausgetauscht wie Rezepte für vegane Schokoladenkekse.

Wir setzen uns Kronen auf und leben für wenige Stunden im Hier und Jetzt, lassen uns treiben von Raum zu Raum, von Dachterrasse zu Erdgeschoss und zurück, vergessen die Zeit und sind einfach nur da, definieren uns nicht über unseren Status und Besitz, sondern über ein gemeinsames Lebensgefühl.

Ich wart‘ seit Wochen auf diesen Tag und tanz‘ vor Freude über den Asphalt, als wär’s ein Rhythmus, als gäb’s ein Lied, das mich immer weiter durch die Straßen zieht, komm Dir entgegen, Dich abzuholenfür das Minimalismus-Bloggertreffen 2014: #MBT14.

Danke für so viel wertvolle Zeit. Das hier ist ewig, ewig für heute.

Hoch die Tasse(n)

Ich mag keine Werbegeschenke. Kugelschreiber, USB-Sticks, die schlecht klebenden Pflaster aus der Apotheke, Schlüsselanhänger, Feuerzeuge – diese und andere vermeintliche Image- bzw. Markenträger rufen mir ein Unternehmen nicht (unbedingt) nachhaltig ins Gedächtnis. Vor ein paar Tagen flatterte mir jedoch ein Päckchen ins Büro. Sein Inhalt: eine Tasse von Mahlwerck.

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Porzellan bedrucken und veredeln ist eine Wissenschaft für sich schreibt das Unternehmen auf seiner Webseite. Bei meinem Trinkgefäß schlägt sich das in Form einer weißen Glasur auf schwarzem Grund nieder. Daneben prangt das Logo des Magazins, dem ich das Präsent zu verdanken habe. Ein Mitarbeiter hat es mir geschickt, mit dem ich beruflich in den letzten Wochen oft zu tun hatte. Geschickt zum Verbleib und als kleines Dankeschön dafür, dass Sie mit uns so viel Geduld […] hatten, steht in seinem Begleitschreiben.

 An dieser Stelle könnte der nachfolgende Absatz zwei Wendungen nehmen:

1. Ich schreibe etwas über Ressourcenverschwendung und das Abwerfen von äußerem Ballast, über unverständliche Werbesprüche oder die Aushilfsstudentin, die noch Platz im Küchenschrank ihrer WG hatte.

2. Ich blogge über die Freude, die mich nach dem Öffnen der Sendung erfüllt hat. Und über die Zutaten für ein gutes Leben, zu denen für mich in jedem Fall der zwischenmenschliche Faktor zählt.

Sehr geehrter Absender, lieber Herr M., obwohl ich mich im Entrümpeln und Reduzieren von Besitz übe und die #-Bedeutung des Kaffeesatzes erst einmal per Suchmaschine klären musste: Ihren Hydro-Glasur-Werbebecher – oder ist das eine keramische Außenglasur – ordne ich definitiv in Kategorie zwei ein. Denn im Alltag zieht die Einstellung „Nicht geschimpft ist gelobt genug“ leider viel zu deutliche Kreise. Lobkultur in der Arbeitswelt? Puh, ganz schwieriges Thema.

Ihre Tasse ist dagegen eine unmittelbare Rückmeldung. Ein Feedback, das mir zeigt: Sie sind mit unserer „Interaktion“ zufrieden und möchten das auch kundtun. Darüber freue ich mich sehr. Punkt. Und wissen Sie was? Herrn M21er gefällt die Tasse sogar so gut, dass er sie behalten möchte.

Minimalismus21 trinkt den also Kaffee ab sofort #auf Sie. Danke.

Nachlese: Was vom Leben übrig bleibt, kann alles weg

Ich bringe es gleich auf den Punkt: Das Leben ist endlich! So lautet der erste Satz von Hans-Jürgen Heinicke. Zusammen mit dem Autor Fred Sellin hat der Wohnungsauflöser ein Buch geschrieben. Sein Titel? Unmissverständlich das Fazit der Einstiegssequenz: Was vom Leben übrig bleibt, kann alles weg.

19520_Heinicke_Leben.inddWenn Heinicke in Interviews diese Formulierung persönlich in den Mund nimmt, dann liegt die Betonung erschreckender Weise auf alles. Vielleicht liegt das an mehr als 30 Jahren Berufstätigkeit, die den Sachverständigen für Nachlässe geprägt haben. An drei Jahrzehnten als Trüffelschwein, Psychologe, Detektiv und Archäologe, wie er sich selbst gerne bezeichnet. Denn der Schatzsucher beschönigt nicht, dass es in seiner Mission am Ende immer nur um Gewinn geht, also um so etwas Profanes wie Geld.
Genau das verdient der gelernte Betriebsschlosser mit dem, was die ehemaligen Besitzer zu Lebzeiten gehortet, gesammelt und aufbewahrt, Hinterbliebene oder andere Erben nicht entsorgt oder sich am Ende in ihren Besitz einverleibt haben. Und dieser Gedanke ist oft nur schwer zu ertragen.

Ob Möbelstück, Teppichsammlung oder sonstige Parade – was für den Verstorbenen einst emotional aufgeladen und wichtig gewesen sein mag, konkurriert am Ende bestenfalls noch im Auktionshaus um den höchsten Preis; obwohl die Kunden, die den Entrümpler beauftragen, häufig eine vollkommen andere Wertvorstellung haben. Heinickes These: Die meisten Dinge verlieren bereits nach dem Kauf ihren Wert, das Kaufhaus wird zur Vorstufe der Müllhalde.

Das Leben der Anderen
Doch genau von derartigen Verlassenschaften und von ehemaligen Besitzern erzählt dieses Buch, von schönen Reisen, einem heimlichen König sowie einer Schauspielerin, aber auch von der Jungfrau Maria und von fremden Welten. Beim Schmökern durch rund 250 Seiten darf man sich ungeniert zwischen Drei-Zimmer-Wohnung und herrschaftlicher Villa, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, erlebter und geschriebener Geschichte bewegen und sich in unterhaltsamen Phantasien, Puzzlestücken und Überlegungen zur Existenz der ehemaligen Bewohner verlieren. Das ist sowohl traurig als auch komisch, manchmal sogar verstörend oder befremdlich, etwa wenn sich Heinicke in den vier Wänden eines ehemaligen Steuerberaters erst einmal ein Bad im Whirlpool genehmigt.

Die ständige Begegnung mit dem Tod ändert die Sichtweise aufs Leben, heißt es im letzten Kapitel. Wer jahrelang Massen an fremdem Besitz geordnet hat, bekommt zwangsläufig ein anderes Verhältnis zu Konsumgütern und dem damit verbundenen Glücksversprechen. Mit Shoppen als Identitätskrücke hat dieser Mann definitiv nichts mehr am Hut.

Mancher Leser am Ende ebenso wenig.

Für das Rezensionsexemplar bedanken wir uns beim Fischer Taschenbuch Verlag:

Alle Zitate aus Hans-Jürgen Heinicke: Was vom Leben übrig bleibt, kann alles weg. Fundstücke eines Wohnungsauflösers. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2012 (8,99 €)