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Das große Los

Eine Teekanne aus Buenos Aires, ein Morgenmantel aus Indien. Manchmal reicht das schon für ein Gefühl von Zuhause, jedenfalls für ein ambulantes – oder ein mobiles.

Meike Winnemuth im Literaturhaus München
© Juliana Krohn/ Literaturhaus München

Mobil, weil die zwei Gegenstände Meike Winnemuth begleitet haben. Ein Jahr lang war die 52-Jährige 2011 unterwegs. Zwölf Monate in zwölf verschiedenen Städten. Und wenn sie über ihre Reise spricht, ist zumindest die kleine silberne Kanne wieder mit dabei. Denn: Erzählen erzeugt Durst. An diesem Abend im Literaturhaus München trifft das übrigens auf beide zu – Referentin und Zuhörerschaft.

Zwölf Städte, zwölf Monate und leichtes Gepäck © Urban Zintel

Vor mir die Welt
Doch zum Anfang der Geschichte. Der ist schnell zusammengefasst. Journalistin gewinnt bei Günther Jauchs Quizshow „Wer wird Millionär“ 500.000 Euro. Und plötzlich ist sie da: die innere Erlaubnis, die Genehmigung, der richtige Zeitpunkt für „Vor mir die Welt“. So heißt der Blog, auf dem sie fortan ihre Erlebnisse dokumentiert: Sydney, Buenos Aires, Mumbai, Shanghai, Honolulu, San Francisco, London, Kopenhagen, Barcelona, Tel Aviv, Addis Abeba, Havanna – eine ausgewählte „Bauchnummer“, gefolgt von mehr als 200.000 Lesern, einer Nominierung für den Grimme Online Award und der Auszeichnung bei den Lead Awards 2012. Beispiele für zahlreiche „Gibt’s-doch-nicht-Momente“ in Winnemuths Leben.

Überspitzt formuliert könnte man sagen: Es geht beinahe um „systemgefährdende Gedanken“, die sich nun auf einmal auftun. Um Fragen wie „Wer bin ich?“ und „Was will ich eigentlich?“. Plan der gebürtigen Schleswig-Holsteinerin: nichts planen, nichts vornehmen, einfach nur da sein in der jeweiligen Stadt; ein Koffer inklusive.

In Hamburg sagt man Tschüss
Dass ihr das nicht sonderlich schwerfallen würde, war vorauszusehen. Denn die ehemalige Vizechefin der Cosmopolitan gilt als experimentierfreudig. Vor ihrer Weltreise trug sie ein Jahr lang ein Kleid. „Im Sommer und im Winter. Am Schreibtisch und zu offiziellen Anlässen.“ Nachzulesen und nachzusehen auf ihrem Online-Tagebuch „Das kleine Blaue“. Ein Versuch zwischen „Verzicht und Bereicherung, Reduktion und Kreativität“.
Parallel dazu verließ jeden Tag ein Gegenstand ihr Leben, wurde verschenkt, verkauft oder weggeworfen. „Und tschüss“ eben. Reduzieren und Loslassen – das kommt der Weltreisenden jetzt genauso zugute wie ihre Teekanne, die wärmenden Trost bei potentiellem Heimweh und drohenden Durchhängern spendet. Matetee in Mumbai, indischer Tee in Tokyo, japanischer in Shanghai – ein paar Rituale und Gewohnheiten müssen es selbst gerade fernab der Heimat schon sein.

GrosseLos

Vom Blog zum Buch: Das große Los

Wieder einleben in mein Leben
Was als Blog begann, liegt mittlerweile auch als Buch mit über 300 Seiten vor: Das große Los. Wie ich bei Günther Jauch eine halbe Million gewann und einfach losfuhr. Ein Kapitel pro Stadt, jeweils in Briefform an einen ausgewählten Menschen verfasst. Doch wie ist das eigentlich, wenn man nach so langer Zeit wieder in den heimischen Hafen zurückkehrt, genauer gesagt nach Hamburg, einer Stadt, die sich auf einmal wie das 13. Reiseziel anfühlt. Dieselbe Meike, aber nicht mehr die gleiche?
Nun, ein Teil der Dinge aus dem alten Leben funktionierte noch, sagt sie. Was nicht funktionierte, zeigen die Fragen, die sich die Heimkehrerin in den eigenen vier Wänden stellte: „Wem gehört dieser ganze Krempel hier?“ „Was ist wichtig geblieben, was nicht?“ Die Antwort:
Winnemuth zieht aus, tauscht große Altbauwohnung gegen 40m² Wohnfläche, Üppigkeit gegen Unabhängigkeit und Leichtigkeit, befreit sich von materiellem Ballast. Persönliches Fazit und Lebensmaxime: Ich brauche beides, den Rausch der Freiheit und die Sehnsucht der Heimat.

Als sie sich zwischen zwei Kapiteln ein Glas Wasser aus ihrer Teekanne einschenkt, wird klar: Es geht nicht immer um Entweder-oder, sondern um Sowohl-als-auch.
Das große Los – man muss es manchmal nur selbst ziehen. Der Durst darauf ist da.

Minimalismus21 im Gespräch mit Meike Winnemuth

1. Liebe Frau Winnemuth, herzlichen Glückwunsch zum Projekt „Buch“. Platz 2 für Das große Los auf der DER SPIEGEL Bestsellerliste, Kategorie Sachbuch (Hardcover). Wie fühlt sich das an?
Mindestens so unwirklich wie der Gewinn bei Jauch – es ist einfach nur ein weiterer jener „Das gibt’s doch nicht“-Momente, an die ich mich langsam wohl gewöhnen muss.

2. Sie „rangieren“ direkt unter Dieter Nuhr, Das Geheimnis des perfekten Tages. Zufall oder Ausdruck einer Gesellschaft, die nach mehr Leben sucht?
Zufall, wie das meiste im Leben. Interessanter finde ich, dass Bücher wie das der Skidelskys („Wie viel ist genug?“), „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ und „Selbst denken“ von Harald Welzer gerade so hoch in der Bestsellerliste rangieren. Die beschäftigen sich ja aus unterschiedlichen Perspektiven ebenso wie ich mit der Frage: Wie wollen wir leben?

3. Sie wohnen mittlerweile nur noch auf einem Fünftel ihrer ursprünglichen Quadratmeterzahl. Wo sind die ganzen Sachen geblieben?
In der alten Wohnung. Die ist so, wie sie war, möbliert vermietet. Die neue Wohnung ist ein Neuanfang in jeder Hinsicht.

4. Drei Dinge, auf die Sie nicht verzichten können
Laptop (Arbeits- und Unterhaltungsinstrument). Handy (Kommunikations- und Unterhaltungsinstrument). Fahrrad (Fortbewegungs- und Unterhaltungsinstrument).

5. 2014 starten Sie Ihr Projekt „Zwölf Monate in zwölf deutschen Städten“. Nach welchen Kriterien wählen Sie aus? Experiment mit Plan oder Treibenlassen nach bewährtem Muster?
Halbe-halbe. Schon planvoll, denn ich möchte möglichst in jedem Bundesland eine Stadt bewohnen (minus die Stadtstaaten und Saarland). Und ich möchte mir gut überlegen, welche Stadt es dann sein wird – das ist merkwürdigerweise in Deutschland schwieriger als in der Welt. Was ich dann aber in den Städten erlebe, wird hoffentlich wieder so sehr vom Zufall gelenkt wie die Weltreise.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Signierstunde nach Leseabend
© Juliana Krohn/ Literaturhaus München

Wer Meike Winnemuth hören, sehen oder live erleben möchte: Alle Informationen zur Lesereise gibt es hier.

Leben in der Vergeudungsökonomie

Vielleicht war sie beim Schleudern über die Jahre etwas lauter geworden. Vielleicht wollten wir die Zeichen der Zeit nicht sehen. Tage zuvor wusch sie noch klaglos unsere Wäsche, ohne Anzeichen von Abnutzung. Und dann, von einer Ladung zur anderen – nichts mehr! Stattdessen blinkte ein großes „E“ für Error. Kein Programm ließ sich mehr starten. Unsere knapp zehn Jahre alte Waschmaschine einfach kaputt?

Nach einem kurzen Telefonat mit dem Kundendienst kam rasch ein Servicetechniker. Aber geschraubt und repariert wurde nichts. Mitleidig blickte er auf die Maschine im Bad, erkundigte sich erstaunt nach dem Alter. Hoffnung mache er mir keine, sagte er, im Grunde lohnen sich Reparaturen bei solchen Geräten nicht. Da er aber nun einmal da sei, lese er wenigstens den Fehlercode aus: Motorendefekt, wohl ein Steuerungsmodul. Reparatur nicht lohnenswert. Unter uns gesagt, verkündete der Techniker, sparen Sie sich nächstes Mal den Service und kaufen Sie gleich eine neue Maschine. Mehr als zehn Jahre hält so ein Gerät nicht… Als technischer Laie zahlte ich ratlos die geforderte Pauschale.

Tags darauf machten wir uns auf den Weg zu den einschlägigen Elektrogroßhändlern. Als die neue Maschine geliefert und die alte entsorgt wurde, kamen wir ins Grübeln… Wie oft hatten wir in den letzten Jahren bereits den Spruch gehört „Eine Reparatur lohnt sich nicht, kaufen Sie sich ein neues Gerät“?

Konsumieren statt reparieren: Kaufen für die Müllhalde
Rasch stießen wir im Internet auf eine schlüssige Erklärung für unsere Beobachtungen: geplante Obsoleszenz. Dieses Zauberwort benennt den verborgenen Antrieb unserer Konsumgesellschaft: Da in unserer postkapitalistischen Welt die Wirtschaft einseitig auf Wachstum ausgerichtet ist, müssen wir konsumieren – und das um jeden Preis. Mit allen Mitteln werden künstlich neue Bedürfnisse nach immer neuen Geräten geschaffen. Die perfideste Waffe dabei ist die geplante Veralterung eines Produkts: Man konstruiert (technische) Gebrauchsgegenstände bewusst so, dass sie nach einer gewissen Zeit kaputtgehen. Dieser Gedanke prägt unser Wirtschaftssystem seit den 1920er Jahren, wie die im letzten Jahr ausgestrahlte Arte-Dokumentation „Kaufen für die Müllhalde“ eindrucksvoll zeigt.


Damals legte ein Kartell namhafter Hersteller die Lebensdauer von Glühbirnen auf rund 1000 Stunden fest. Doch spätestens seit der Entstehung der modernen Konsumgesellschaften in den 1950er Jahren arbeiten Ingenieure und Konstrukteure systematisch daran, die Lebensdauer ihrer Produkte zu verkürzen. Gerade in unserer hochtechnisierten Gegenwart ist es für die Industrie ein leichtes Spiel, die geplante Obsoleszenz mit entsprechender Elektronik umzusetzen. Im kritischen Blickwinkel der umfassend recherchierten Dokumentation: Moderne Kommunikationsgeräte eines namhaften amerikanischen Herstellers mit ihren fest verbauten Akkus sowie Hersteller von Druckern, deren Lebensdauer durch geschickte Programmierung der Steuerungschips vorgegeben ist.

Die Folgen unserer Wegwerfgesellschaft sind dramatisch: Brennende illegale Müllhalden in der Dritten Welt, auf denen die Ärmsten mit bloßen Händen wertvolle Metalle aus unserem Wohlstandsmüll „recyclen“. „Die Nachwelt wird uns das niemals verzeihen, diese Wegwerfmentalität in den reichen Ländern“  – besonders die Auskünfte des Umweltaktivisten Mike Anane aus Ghana machen sprachlos und tief betroffen. Leichthin werden die gesetzlichen Verbote solcher Müllexporte umgangen, indem ganze Schiffsladungen voll Elektroschrott als funktionsfähige „Gebrauchtwaren“ deklariert werden.

Reparieren lohnt sich doch
Diese Berge von Elektroschrott hatte ich vor Augen, als kürzlich mein knapp sieben Jahre altes Notebook den Geist aufgab. Der Bildschirm zeigte nur mehr wirre Muster. Im autorisieren Reparaturshop die erwartete Diagnose: Grafikkarte defekt, eine Krankheit dieser Baureihe, die Reparaturkosten übersteigen den Gegenwert des Geräts um ein Vielfaches. Warum das so sei? Leider wurde der Grafikchip fest auf das Mainboard montiert, weshalb die gesamte Platine getauscht werden müsse und das lohne sich nicht mehr…

Zum Glück gab mir der freundliche Mitarbeiter inoffiziell noch einen Tipp: Kaufen Sie sich doch ein gebrauchtes Motherboard und lassen es einbauen. Von dieser Option angeregt, recherchierte ich im Netz und wurde auf einen Reparaturservice aufmerksam, der sich meines Problems für einen fairen Preis annahm. Und bereits nach kurzer Zeit hatte ich mein Notebook funktionsfähig mit einem gebrauchten, aber etwas schnelleren Prozessor und einem besseren Grafikchip zurück. Der geplanten Obsoleszenz konnten wir wenigstens diesmal ein Schnippchen schlagen – ohne großen Aufwand!

Auch im kommenden Sommer sicherlich mein liebster Arbeitsplatz –
zum Glück wieder mit repariertem Notebook!

Mal sehen, welches Gerät sich als nächstes verabschiedet… Aber wir werden weiter versuchen, uns der vorherrschenden Vergeudungsökonomie so gut wie möglich zu entziehen: Reparieren statt wegwerfen soll wieder stärker unser Bewusstsein prägen!

Habt ihr auch schon Erfahrungen mit schlechter Produktqualität gemacht?

Wie geht ihr mit der geplanten Obsoleszenz um? Lasst ihr reparieren und wenn ja, um welchen Preis? Oder kauft ihr beispielsweise ein neues Austauschgerät?

Besonders dreiste „Murkserlebnisse“ kann man übrigens unter murks-nein-danke.de melden. Petzen unbedingt erlaubt!Murks? Nein Danke!

Nachlese: Der Mann ohne Geld (Mark Boyle)

Könnt ihr euch vorstellen, ohne Geld zu leben? Mark Boyle kann es. Und hat es getan.

Ein Jahr lang lebte der studierte Betriebs- und Volkswirtschaftler in einem Wohnwagen, platziert auf einem Stück MannohneGeldFarmland in der Nähe von Bristol.

Keine Kreditkarten, keine Schecks, kein Bankkonto, keine Ausnahmen. Alle Bedürfnisse und Konsumgüter mussten innerhalb der 365 Tage ohne jegliche Zahlungsmittel befriedigt beziehungsweise besorgt werden – entweder durch eigene Produktion oder durch Herstellung von einer ihm bekannten Person; selbstgebaute Komposttoilette und Mülltauchen inklusive. Beginn des Experiments: der internationale „Kauf-nix-Tag“ Ende November 2008.

Kommunikationsinstrumente für die nächsten zwölf Monate: Laptop sowie Mobiltelefon mit leerer Prepaidkarte für eingehende Anrufe. Der notwendige Strom wurde mit Solarzellen erzeugt.

Geldlos glücklich
Mobiltelefon und Laptop? „Der Mann ohne Geld“ ist die persönliche Bilanz aus einem Jahr Konsumverweigerung, ist Ratgeber, Erfahrungsbericht und Porträt einer Reise. Und Boyle ein selbstkritischer Autor, der um (scheinbare) Widersprüchlichkeiten und Dilemmata seines Versuchs weiß. Die Entscheidung zugunsten der beiden Elektrogeräte war eine Entscheidung für die Teilhabe der weltweiten Öffentlichkeit. Als Gründer der Freeconomy Community hatte sich der „Moneyless Man“ – so der Titel der englischen Originalausgabe – bereits intensiv mit alternativen Lebensmodellen wie einer Gratiswirtschaft mit bargeldlosen Dienstleistungen und Waren auseinandergesetzt. Sein Wunsch: durch den einfachen Akt des Teilens Freundschaften zwischen Menschen an einem Ort wachsen zu sehen und zu sehen, wie der Geist der Freundlichkeit Herrschaft über die Gier gewinnt. Seine Idealvorstellung vom Leben: eine Welt ohne Geld. Doch damit nicht genug.

Die Grenzen der Autarkie
Schon vor Beginn des Projektes verwendete der Veganer ein Jahr lang kein Erdöl oder dessen Erzeugnisse wie Plastik. Während der Projektmonate kam die Befreiung von seelischem und physischem Ballast hinzu. Boyle tauschte die Bequemlichkeiten des 21. Jahrhunderts gegen jede Menge ökologischer Erfahrungen und lässt seine Umwelt auf mehr als 300 Seiten hautnah daran teilhaben. So erfährt der Leser beispielsweise Wissenswertes über umweltverträgliche Behausungen wie Earthships, Wohnhöhlen und Strohballenhäuser oder die Herstellung von Tinte und Papier aus Pilzen. Aber auch die alltäglichen Schwierigkeiten beispielsweise bei Krankheit werden nicht verschwiegen. Gleichzeitig entkräftet der Autor den Gedanken von wildromantischer Freiheit in vielen Punkten und stellt am Ende fest: ein Leben in voller Autarkie ist ein Mythos der modernen Gesellschaft. Um überleben zu können, sind wir zumindest von Bienen, Regenwürmern und Mikroorganismen abhängig.

Sätze wie dieser kombiniert mit wertvollen Hintergrundinformationen für eine nachhaltigere Lebensweise sind eindeutig die Stärke des Buches. Boyle führt uns vor Augen, wie sehr wir uns von den täglichen Gebrauchsgegenständen im Alltag entfremdet haben, wie wenig wir den Wert eines Konsumgutes oftmals zu schätzen wissen und wie achtlos wir den Dingen mitunter gegenübertreten.

Für das Rezensionsexemplar bedanken wir uns beim Wilhelm Goldmann Verlag:

Alle Zitate aus Mark Boyle: Der Mann ohne Geld. Meine Erfahrungen aus einem Jahr Konsumverweigerung. Wilhelm Goldmann Verlag, München 2012 (9,99 €)