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„The True Cost – Der Preis der Mode“

truecost

Kleidung ist ein Ausdruck unserer Individualität. Kulturgeschichtlich sprechen Historiker über sie zurecht als „Spiegel der Gesellschaft“ – man denke beispielsweise an Marie Antoinette, die  als „Mode-Märtyrerin“ und -ikone ihrer Zeit gilt. Die Königin ließ ihre Garderobe nach aktuellen stadtbürgerlichen und englischen Vorbildern herstellen und avancierte damit zum Dauergesprächsthema. Der Vorwurf: Die angeblich sehr kostbaren und freizügigen Gewänder entsprächen nicht der traditionellen höfischen Norm, so Marita Bombek in ihrer Arbeit mit dem (vielver-)sprechenden Titel Kleider der Vernunft. Um Vernunft oder vielmehr um den Verlust derselben geht es auch im Dokumentarfilm The True Cost – Der Preis der Mode, der am 21. Januar in den deutschen Kinos startete: parallel zur Berlin Fashion Week.

Fast Fashion
Wir denken, wir sind reich. Sehr reich, weil wir uns viel kaufen können. Viel, das heißt in diesem Fall – oder besser noch in diesem Film – Klamotten. Für sie ist offenbar immer Geld da. Zu jedem Anlass ein neues Outfit? Zu jeder Party? Kein Problem! Denn während essentielle Dinge wie eine Lebensversicherung oder ein Studium teurer geworden sind, scheint es für Kleidung keine untere monetäre Grenze mehr zu geben. „Fashion to go“ lautet die Zauberformel, die dieses Konsumverhalten möglich macht; von Regisseur Andrew Morgan nur als „Fast Fashion“ betitelt. Dahinter steckt eine unaufhaltsame Beschleunigung des Produktionszyklus. Früher gab es vier Jahreszeiten. Auch in der Mode. Heute sind es 52. Jede Woche kommen frische Klamotten auf den Markt, hängt eine neue Kollektion in den Läden. Für diese schnelllebige Industrie werden wir auf Dauer einen hohen Preis bezahlen. Und tun es schon. Das macht die Dokumentation bereits nach wenigen Minuten unmissverständlich klar.

Szene aus "The True Cost": Eine Arbeiterin beim Nähen in der Textilfabrik

Szene aus „The True Cost“: Arbeiterinnen beim Nähen in der Textilfabrik

Ware Mensch
In zahlreichen Gesprächen mit unterschiedlichen Beteiligten der Textilwirtschaft stellt sich dem Zuschauer eine Frage: An welchen Werten orientiert sich unsere Gesellschaft eigentlich? Da werden ganze Landstriche und Ackerböden wie Fabriken behandelt und  chemisch auf unbestimmte Zeit verseucht. Dort wird vollkommen emotionslos über Menschen als „Humankapital“ gesprochen, moderne Sklaven, die in den Augen von Fabrikbesitzern und Unternehmen nicht mal das Billigshirt unter ihren arbeitenden Händen wert sind. Es gilt die Devise: Wir produzieren, wo der Preis stetig gedrückt werden kann. Besonders gut funktioniert das in Ländern wie Bangladesch, wo das Wort Lohn bei jedem Atemzug wie Hohn klingt. Die Näherinnen, die hier mit teilnahmslosen Gesichtern an den Maschinen sitzen, soll(t)en dennoch keinen Grund zur Klage haben. Schließlich könnten sie ja auch in einem Bergwerk arbeiten. Das wäre viel schlimmer, lautet sinngemäß das geistige und seelische Greenwashing eines Interviewpartners und klassischen Lobbyisten. Frei nach dem Motto: Was mich nicht betrifft, berührt mich nicht. Was ich nicht wissen will, noch weniger. Und der Konsument? Ihm geht mehr und mehr der Respekt vor den Dingen verloren: Was nichts kostet, ist auch nichts wert. Alte Shoppingweisheit.

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Von der Baumwoll-Plantage zur giftigen Müllhalde – Klamottenberge voller Gift in einem Dritte-Welt-Land

Dennoch machen wir unser Glück paradoxerweise oftmals von eben diesem „wertlosen“ Besitz abhängig und werden beim Streben nach mehr doch nur immer unglücklicher. Die Botschaft hinter The True Cost lautet: Eigentlich sind wir arm. Weil das, was wir hinterlassen, eine humanitäre Katastrophe ist. Was als Baumwollpflanze auf riesigen amerikanischen oder indischen Plantagen begann, endet als „Wohlstandsabfall“ in den Elendsgebieten unserer Welt. Der braucht dann rund 200 Jahre, bis er verfällt. Dazwischen sondert er eine ganze Armada giftiger Stoffe ab. Die belasten und schädigen Menschen und Tiere vor Ort schwer. Fakt ist also: Wir wollen Bioäpfel essen, die nicht gespritzt sein sollen. Aber kleiden uns mit billigen Hemden und Hosen voller Chemie, obwohl die Haut unser größtes Organ ist. Ein Paradoxon jagt das nächste auf der Kinoleinwand. Ironischerweise kommt hinzu, dass uns unser Hab und Gut am Ende nicht einmal zufriedener macht.

My Stuff. Was brauchst Du wirklich?
Petri Luukkainen, der 2015 in Deutschland größere Bekanntheit durch seinen ersten Dokumentarfilm „My Stuff“ erlangte, schrieb über die intensive Auseindersetzung mit seinem persönlichen Besitz: „Am Anfang war ich ein Mann, der dachte, sein größtes Problem sei, dass er zu viele Dinge besitzt und nicht weiß, was er damit anfangen soll. Mal ehrlich: das ist kein Problem, das ist eher traurig.“  Tatsächlich suggeriert uns Werbung das Gegenteil, trichtert uns die mediale Dauerberieselung auf zig Kanälen ein, nur der Erwerb von Waren mache glücklich. In der Praxis geht es beim Shoppen folglich immer weniger um sogenannte Needs, also um Dinge, die wir brauchen, als vielmehr um Wants, also Dinge, die wir uns wünschen. Dazu kommt, dass die Attraktivität eines Angebotes zunehmend durch seinen Erlebnischarakter bestimmt wird: Gekauft werden Marken, die Gefühle und Erlebnisse transportieren, und weniger Produkte mit speziellen funktionalen Eigenschaften.

Die "unsichtbaren" Menschen hinter unserer Kleidung. Die Doku "The True Cost" gibt ihnen ein Gesicht

Die „unsichtbaren“ Menschen hinter unserer Kleidung. Die Doku „The True Cost“ gibt ihnen ein Gesicht

Am Ende sind diese Produkte mehr Schein als Sein. Die im Vorbeigehen erworbene Klamotte sitzt oft gar nicht richtig. Fast Fashion lässt einen plötzlich fahl oder sogar unvorteilhaft aussehen, weil wir unkritisch konsumiert haben, ohne vorab u.a. die Notwendigkeit oder wenigstens die Passform zu hinterfragen. Von geplanter Obsoleszenz ganz zu schweigen. Aber auch das ist kein Problem. Schließlich ist der Neuerwerb so billig gewesen, dass man ihn ohne mit der Wimper zu zucken wegwerfen kann. Ein Schnäppchen, über dessen wahren Preis wir uns keine Sorgen machen.
Doch was sind die wirklichen Kosten hinter dieser Entwicklung? Welchen Preis sind wir bereit, für unseren verschwenderischen Lebensstil fern jeder Vernunft zu bezahlen? Unsere Gesellschaft ist auf Wachstum, nicht auf Minimalismus ausgerichtet. Konzerne, die mit dubiosen Mitteln an einer unheimlichen Monopolstellung in verschiedenen Industriezweigen arbeiten, sind dabei genauso Alltag geworden wie kreischende Fashionbloggerinnen, die wöchentlich ihre Shopping-Haul-Videos im Netz präsentieren. Wir kaufen kopflos, als wenn es kein Morgen gäbe. Nicht nur im Bereich der Mode. Eine fünfte Jahreszeit könnte ein erster kleiner Schritt sein, um diesem Wahnsinn ein Ende zu bereiten.

Ich nenne sie „Konsumauszeit“.

Alle Abbildungen © truecostmovie

4 Kommentare

  1. Mark sagt

    Danke für den Tipp. Hab mir den Film gerade angesehen und das hat wieder mal all meine Bedenken gegenüber der Modeindustrie bestätigt. Meinen Kleiderkonsum beschränke ich seit einigen Jahren auf ein absolutes Minimum und kaufe überwiegend nur faire Sachen ein.

    Hinweis: Aktuell ist „The True Cost“ auch über Netflix abrufbar.

    • M21

      Hallo Mark,

      herzlichen Dank für Deinen guten Hinweis!

      Für die Zukunft spielen wir übrigens auch mit dem Gedanken, auf Streamingdienste umzusteigen. Dafür müssen wir jedoch erst noch einen Großteil unserer „haptischen“ Mediathek verschenken, verkaufen oder spenden ;-).

      Schön zu hören/lesen, dass es immer mehr Menschen gibt, die auf einen verantwortungsvollen Konsum achten.

      Alles Gute und viele Grüße
      M21

  2. Pingback: Was brauchen wir denn nun wirklich? | Wo ist Philipp?

  3. Pingback: Unsere Netzhighlights – Woche 5/2016 | Apfelmädchen & sadfsh

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