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Nachlese: WOLF – das Männer-Magazin fürs Wesentliche

DVD statt Streaming, Vinyl statt Mp3, Papier statt mattschimmerndes Display. In vielen Alltagsdingen bin ich noch ziemlich analog. Und digital betrachtet wenig minimalistisch. Meine Musik höre ich am liebsten auf Schallplatte, einen Roman lese ich am liebsten als gedrucktes Buch. Da bin ich tatsächlich ziemlich altmodisch. Natürlich ist damit haptischer Besitz verbunden. Die Lektüre steht im Regal, die Filme und die Platten auch. Das möchte ich grundsätzlich nicht missen; nur behalte ich heute analoge Medien nicht mehr um jeden Preis. Ich muss nicht mehr meine Lesebiographie durch den bloßen Besitz dokumentieren. Filme oder Bücher, die mich „nur“ unterhalten, wenig berührt haben, dürfen jetzt schneller gehen als noch vor Jahren. Hier hat der Minimalismus mein Denken verändert.

Anagramm WOLF – FLOW
Bei Zeitungen und Magazinen bin ich dagegen komplett in der digitalen Welt verhaftet. Nur äußerst selten fesselt mich die Lektüre eines Magazins, entscheide ich mich bewusst für eine gedruckte Zeitschrift. Stattdessen zappe ich im Internet zwischen verschiedenen (kostenfreien) Angeboten hin und her, verliere mich manchmal in einer eklektischen Beliebigkeit oftmals oberflächlicher Artikel. Ganz anders geht es mir mit dem neuen WOLF, dem selbsternannten „Männer-Magazin fürs Wesentliche“ (8,50 Euro) aus der Verlagsgruppe Deutsche Medien-Manufaktur (DMM). Schon die wertige Aufmachung, das moderne Layout und die ansprechende Bilderauswahl von WOLF – einem Ableger des Achtsamkeits-Magazins flow – fesseln mich sofort.

Eile mit literarischer Weile. Herr M21er beim Schmökern in der Erstausgabe von WOLF

Ein Magazin für Männer. Das hat für mich im ersten Moment immer etwas Anrüchiges. Aber keine Angst. Hier geht es nicht um Schmuddelbildchen. Nein, WOLF ist ein Magazin (nicht nur) für den männlichen „fourty something“, für meine Generation, die Florian Illies in seinem gleichnamigen Roman von 2000 als „Generation Golf“ bezeichnet hat. In der scheinbar heilen analogen Welt der 1980er sozialisiert, seit dem C64 mit dem klassischen Computer vertraut und (manchmal verhalten) begeistert von den neuen digitalen Möglichkeiten im Web 2.0 – immer wieder überschattet durch eine undefinierbare Sehnsucht nach der analogen Langsamkeit, mit der sich die Welt unserer Jugend (vermeintlich) noch gedreht hat.

Analoge Sehnsuchtsmomente auf Papier
Fast kommt es mir vor, als sei dieses Heft nur für mich geschrieben worden. Nahezu alle Themen begeistern mich, nahezu alle Beiträge sprechen mir aus der Seele, treffen genau meine Interessen. In der Erstausgabe begegnet man alten musikalischen Weggefährten aus vergangenen Tagen wie Dirk Darmstaedter, Sänger von The Jeremy Days und Mitbegründer meines Lieblings-Indie-Labels Tapete Records. Anregende Zitate und ganzseitige Portraits finden sich über das Magazin verteilt, darunter große Künstler wie David Bowie, Ryan Gosling, Sean Penn und Paul Newman. Rauchende Helden statt nackter PinUp-Girls. Keine plumpe Erotik – die Hochglanz-Bildstrecken in diesem Magazin bieten durchweg andere Sehnsuchtsmomente: Designklassiger („Faszination Bauhaus“), Streetfood („Super Burger selber machen“) oder „Ein Haus im Grünen“: drei verschiedene Tiny Houses in der freien Natur regen zum Träumen von der eigenen Datsche an.
„Was machst du gerade?“ – so der Titel eines weiteren Artikels. Ich versinke seit langem mal wieder in einem Printmagazin, lese von drei Männern – den Wegebauer Erich Kirchner, den Lotsen Ben Lodemann und den Rennrad-Retter Alex Bisaliev –, die ihren jeweiligen Lebenstraum leben und frage mich selbst nach meinen weiteren (Lebens-)Zielen. #MoreMoments, mehr offline, mehr Lebensqualität! Dazwischen immer wieder „Der Hingucker“; besonders beeindruckend vor allem Willy Brandts Appell von 1961: „Lasst euch nicht zu Lumpen machen! Zeigt menschliches Verhalten, wo immer es möglich ist.“

Mindfulness ohne Kuschel-Esoterik
Typisch Mann, oder? Im Artikel „Langsam leben lernen“ verzweifelt der Autor an einem Achtsamkeits-Seminar. Besser klappt es da mit dem Achtsamkeitstraining für wahre Männer: Till Raether probierte das Mental Training aus den USA aus, das sogar die US-Marines nutzen, um einen klaren Kopf zu bekommen. Mindfulness muss also keine Kuschel-Esoterik sein, nachzulesen im Beitrag „Dem Stress eine reinhauen“.

Nochmal typisch Mann, oder? WOLF nimmt sich auch dem Thema Liebe und Beziehungen an, ohne in plumpe Gender-Klischees zu verfallen. Einmal reflektiert ein Mann schonungslos ehrlich über seine Affäre mit einer anderen Frau. Und in der Reportage „Seattle – viel mehr als eine Stadt“ besucht WOLF-Autor Holm Brookmann seine verflossene große Liebe nach zehn Jahren erstmals wieder – mehr als nur eine nostalgische Zeitreise.

Ein drittes Mal typisch Mann, oder? Männer sind Jäger und Sammler – viele zumindest. Ich kann mich da nicht ganz ausnehmen, Minimalismus hin, decluttering her. Deshalb spricht mir das Zitat Jack Whites im Artikel „Das schwarze Wunder“ aus der Seele: „Vinyl is the real deal, erst wenn man sich die Platte kauft, gehört einem wirklich das Album.“ Auch ich fröne schon seit Kindestagen der Plattenleidenschaft und freue mich über die Rückkehr dieses Tonträgers.
Um jedoch nicht gleich den nächsten Plattenladen zu stürmen, empfiehlt sich – nicht nur für Minimalisten – das Interview mit dem Sozialpsychologen Jens Förster, der einen sinnvollen Ausgleich von „Habenzielen“ – meist materieller Besitz – und „Seinzielen“, dem Wunsch nach persönlicher Entwicklung, für ein glücklicheres Leben vorschlägt. Oder man informiert sich über „Das 100-Dinge-Projekt“ des Amerikaners Dave Bruno, dem Dozenten für Nachhaltigkeit und Verfasser von „The 100 Things Challenge“.

Wer weniger besitzt, hat mehr Zeit. Oder warum Shoppen langfristig nicht glücklich macht

Der Ausflug in die eigene Vergangenheit setzt sich wenige Seiten später fort: Denn als Heftbeilage findet sich ein liebevoll gezeichnetes Retro-Quartett mit Filmautos vom spanischen Grafikdesigner Jesus Prudencio: Was für eine Reminiszenz an das Lieblingsspiel meiner Grundschulzeit. Wenn man gerade keine Spielkameraden hat, bietet WOLF mit „Verschollen im Ozean“ eine Kurzgeschichte von Paul Tough zum Herausnehmen und Schmökern an.

Fazit: „Was wirklich zählt“ – so die Titelgeschichte der Erstausgabe von WOLF: Genau das gelingt diesem Magazin auf eine charmant  unaufgeregte Art: Themen zu präsentieren, die mit dem schönen, zufriedenen Leben zu tun haben. Und für mich entscheidend: cool erzählt und flott geschrieben. Dass das Printprodukt der Gruner + Jahr-Tochter und des Landwirtschaftsverlags Münster auch für den „Hang zum Eskapismus“ steht (der sich weigert, die „Kompfortzone des urbanen Mittelklasselebens“ zu verlassen, wie Harald Staun in seinem Artikel „Das Kuscheln mit der Zeitung“ sog. „Erbauungsmagazinen“ vorwirft), kann ich nicht nachvollziehen.

Ich habe das Eintauchen in dieses „Männer-Magazin fürs Wesentliche“ in vollen Zügen genossen. Absolute Leseempfehlung. Auch für Frauen!

Mehr WOLF gibt’s auf Facebook.

Für das Rezensionsexemplar bedanken wir uns bei Gruner + Jahr.

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