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Nachlese: Ich bin raus (Robert Wringham)

Ich bin raus liest sich wie eine Brandrede, denn Robert Wringham ist ein entflammter Autor. Einer, der Wege aus der Arbeit, dem Konsum und der Verzweiflung aufzeigen möchte. Einer, der bereits im Vorwort sämtliche Formen der „Lohnknechtschaft“ verteufelt. Einer, der keinen bzw. kaum Platz für Menschen lässt, die ihren Job nicht grundsätzlich als moderne Sklaverei und alternativlose Tretmühle empfinden. Der Herausgeber des Magazins New Escapologist benutzt – wie passend – eine historische Figur, die als Metapher und Vorbild den Weg aus den Fesseln der modernen Konsumgesellschaft beschreiben soll: Harry Houdini, amerikanischer Entfesselungs- und Zauberkünstler.

Arbeit und Konsum entkommen
Wir werden benebelt und verbraucht. Von den sozialen Fesseln der Gesellschaft, von Personalabteilungen, Großraumbüros, unbefriedigenden Berufen, (selbstverursachten) Schuldenbergen, 40-Stunden-Wochen uvm. Wenn man Arbeitszeit, Konsumzeit und Schlafzeit abrechnet, bleibt nicht mehr viel Zeit für Freiheit, so Wringham. Sein Alter Ego Houdini dagegen beherrscht eine Kunst, die auch wir auf das wirkliche Leben anwenden sollen: Raus aus den sklavischen Gedanken, die uns die Wirtschaft einimpfen möchte, darunter ein stetes Gefühl der ungesättigten Unzufriedenheit dank ausgeklügelter Marketingstrategien. So weit, so gut. Doch spätestens an dieser Stelle wird die Wut des Autors zu einem Flächenbrand.

Autor Robert Wringham © Stuart Crawford Photography

Der gebürtige Engländer fordert den Leser dazu auf, seinen Job zu kündigen und sein Recht auf Faulheit einzufordern. Dabei geht es keineswegs um das totale Nichtstun, nein. Es geht um eine kreativere, bewusstere und befriedigendere Tätigkeit. Und hier möchte und muss ich gleich „Stopp“ rufen. Setzen wir das bedingungslose Grundeinkommen voraus und die Tatsache, dass jeder nach seiner Façon wirtschaften kann: In einer Welt, die lediglich aus Poeten und Künstlern besteht, können wir dennoch nicht leben. Es sei denn, Digitalisierung und Roboterisierung sind so weit fortgeschritten, dass wir uns weder ums tägliche Brötchen, das Leeren der Aschentonnen und sonstige (unbequeme) Tätigkeiten Gedanken machen müssen.

Geht es nach Wringham, sind die meisten Jobs heute jedoch nichts anderes als Bullshit-Bingo, dazu angedacht, uns zu verwahren und uns mit sinnlosen Tätigkeiten zu beschäftigen. Wir stecken in Angestellten- oder Service-Jobs fest, die die Wirtschaft stützen, den Reichen noch mehr Einkommen verschaffen und uns zu einer Sache verleiten: Schrott zu verkaufen, den keiner braucht. Wir sind völlig besessen davon, dass Arbeit an sich schon ein Wert ist. Und diese Wertvorstellung wird auf rund 330 Seiten konsequent angefochten. Entfesselt Euch!

Entfesselung als (Raus-)Weg aus Arbeits- und Konsumfalle

Ich will nicht abstreiten, dass für diesen Kampf einige brauchbare Modelle in der Lektüre vorgeschlagen bzw. Alternativen genannt werden, die die Arbeits- und Lebensqualität verbessern können. Dazu gehört die sog. „Tele-Arbeit“ in Form von Skype und Co. sowie eine Auflockerung der Präsenzpflicht, die uns nicht mehr länger an einen festgelegten Platz bindet. Viele moderne Firmen leben das längst vor.
Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Blick auf die menschliche Geschichte, der zeigt, dass Arbeit historisch betrachtet nicht immer den heutigen Stellenwert hatte – gar mit Fluch, Würdelosigkeit, später mit Tugend oder einem kurzfristigen Übel belegt war. Heute – so die These – steht hinter unserem Arbeitsethos nur mehr ein Antrieb: unsere Möglichkeiten als Konsument zu verbessern. Verschärft ausgedrückt: Beim Shoppen holen wir uns ein bisschen Würde zurück, indem wir coole Produkte kaufen. Mit anderen Worten: Shopping ist eine vollkommene Abwechslung von der Arbeit, man hat es sich im wahrsten Sinne des Wortes verdient. Der Konsum wird zum Lebenszweck, jede verbrauchte Ressource in diesem Zusammenhang ist uns ebenso egal wie die eingeplante Obsoleszenz.

Vom Haben zum Sein
Diese Vorwürfe muss man aushalten. Zumal Robert Wringham in seinem emotionalen Rundumschlag in weiten Teilen außer Acht lässt, dass es mittlerweile genügend Gegenbewegungen und -strömungen gibt, wie Zero-Waste-Pionierin Bea Johnson oder Mark Boyle, der Mann ohne Geld, zeigen. Bei Wringham immerhin eine Erwähnung wert, der seine Empörung im zweiten Teil des Buches dankenswerter Weise mehr und mehr hinter sich lässt und auf eine sachlichere Ebene zurückkehrt. Eine spannende These, die unter Kritikern des Minimalismus durchaus zurecht für Stimmung sorgt: Bevor wir uns Werten wie Raum, Zeit, Privatsphäre sowie einer besseren Gesundheit hingeben, müssen wir uns erst ausgiebig mit der Anschaffung von Sachen beschäftigt haben. Am Ende sind wir also nicht die Summe unseres Besitzes, agieren aber evolutionspsychologisch betrachtet immer noch wie der Höhlenmensch in einer digitalisierten Welt: Aus Angst vor Dürrezeiten und materiellem Mangel horten wir (unbewusst), dass die Schwarte kracht. Übermäßiges Essen, sexueller Opportunismus und Ehrgeiz inklusive. Konkurrenzdenken, Eitelkeit, Ego und Geltungskonsum tun ihr übriges.

Minimalismus als Fluchtweg und alternatives Lebensmodell

Ich bin raus von Robert Wringham

Folgt man dem Lebensmodell des Schriftstellers, dann sind nur wenige Dinge der Konsumwelt wirklich wichtig und nicht entbehrlich, genauso wie Minimalismus am Ende mehr meint als das bloße Entrümpeln. Minimalismus ist eine persönliche Form des Protests gegen die Überflussgesellschaft. Genauso wie das polarisierende, lautstarke, emotionale und persönliche Buch von Robert Wringham.

Eine Lektüre, die die Wut des Verfassers auf den Leser überträgt. Und am Ende doch noch Vorbilder und gangbare Lebensmodelle aufzeigt.

Robert Wringham: Ich bin raus. Wege aus der Arbeit, dem Konsum und der Verzweiflung. Wilhelm Heyne Verlag, München 2016 (16,99 Euro).

2 Kommentare

  1. Als feine Ironie dahinter verbinde ich, dass der Autor ja etwas komplett normales zelebriert: er schreibt und veröffentlicht ein Buch. Schön mit Pressefoto und über einen Verlag. Und das ist eigentlich ganz klassisch „Arbeit“. Und eben nicht draußen sein. Ohne das jetzt zu negativ darstellen zu wollen: aber alle, die schon mal versucht haben von ihrer Musik, ihren Texten oder ihrem Blog zu leben, werden wissen, dass das mit dem „draußen sein“ nicht so einfach ist.

    Danke jedenfalls für diese Buchbesprechung! Da fängt man doch gleich an, sich Gedanken zu machen. Und das ist gut so. 🙂

    • M21
      M21 sagt

      Lieber Chris,

      es ist lustig, dass Du dieses Thema ansprichst. Denn genau das habe ich mir auch (schon öfters) gedacht.

      Viele Blogger hegen tatsächlich den Wunsch, „draußen zu sein“, wie Du es nennst. Und träumen gleichzeitig davon, von ihrem Content leben zu können – ein Teil allerdings nur heimlich. Das wird dann gerne hinter (halbherzigen) Versuchen versteckt, über die Seite selbst zu monetarisieren. Etwa in Form von Affiliate-Links, die im Vorfeld mit zig Begründungen und Entschuldigungen verargumentiert werden. Ich muss ganz klar sagen: Ich verstehe dieses Verhalten nicht.

      Für mich ist es vollkommen in Ordnung, wenn jemand den Versuch startet, auf diese Weise seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Guter, hochwertiger Content darf kosten, muss es sogar im „professionellen“ Umfeld. Das ist nichts, für das man sich schämen muss. Es sei denn, man kann wirklich von Luft und Liebe alleine leben. Ich kenne allerdings bis heute niemandem, dem das gelungen ist.

      Langer Rede, kurzer Sinn:
      Was mich viel mehr stört, ist das mitunter abfällige und arrogante Gehabe, dass es „Pfui“ sei, einem „regulären Normalbiographie-Job“ nachzugehen. Ebenso „Pfui“ sei es aber auch, von seinem Blog leben zu wollen, weil man sich ja dann per se in externe Abhängigkeiten begäbe und bspw. seine redaktionelle Unabhängigkeit verliere. Für manche geht das schon bei Rezensionsexemplaren los – ein üblicher Weg, wie bspw. Bücher besprochen werden.

      Der Verlag stellt ein Exemplar zur Verfügung, der Journalist/ Blogger berichtet darüber. Solange der Bericht die ehrliche Meinung des Lesers widerspiegelt und nicht interessensgetrieben dem Autor oder Verlag folgt, eine vollkommen akzeptable Methode. Wer aufmerksam die Bloggerszene verfolgt – um bei diesem Beispiel zu bleiben – wird feststellen, dass das natürlich nicht immer so einfach ist: Sobald man tatsächlich von diesem Metier lebt bzw. leben muss, ist der Grad zwischen unabhängiger und abhängiger Contenterstellung ein schmaler.

      Daher kann ich Dir nur zustimmen:

      „(A)lle, die schon mal versucht haben von ihrer Musik, ihren Texten oder ihrem Blog zu leben, werden wissen, dass das mit dem „draußen sein“ nicht so einfach ist.“

      Das vorschnelle Fingerpointing dagegen schon.

      Viele Grüße
      M21

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