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#MoreMoments 5: Achtsame Lebenskunst und Minimalismus

Eine – wie sie selbst sagt – „Phase deutlicher beruflicher Überlastung“ hat Gabi Raeggel zur sog. Achtsamkeit geführt. Wie diese Verhaltensweise (engl. „mindfulness“) einen minimalistischen Lebensstil unterstützen und befruchten kann, erklärt die studierte Sozialpädagogin in ihrem Gastbeitrag – zugleich Teil 5 unserer Blogserie #MoreMoments. Was wirklich wertvoll ist im Leben.

Minimalismus als Lebensstil
Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der Ablenkung, Multitasking und Reizüberflutung schon fast „normal“ geworden sind. Wir können dank Digitalisierung nahezu rund um die Uhr shoppen, Filme anschauen, Musik in unbegrenzter Menge hören. Damit wir alles schaffen, sind wir zunehmend zu Multitaskern geworden: Bei der morgendlichen Tasse Kaffee schon mal die E-Mails checken, die To-do-Liste durchgehen, den Tag planen, gleichzeitig Musik hören oder die neuesten Facebook-Infos durchsehen.
Beim Einkaufen in der Stadt sind wir zahllosen Reizen ausgesetzt, die wir nicht mal so eben entrümpeln und minimalisieren können. Werbeindustrie und findige Marketingstrategen überlassen nichts dem Zufall: die Wege, auf denen wir uns durch das Geschäft schlängeln, das Licht, die Musik, Gerüche: All das ist genau geplant, um unsere Aufmerksamkeit auf die exakt geplante Anordnung der Waren zu lenken. Ehe wir uns versehen, landen dann doch wieder mehr Dinge im Einkaufswagen als geplant und benötigt. Wie kann es da noch gelingen, innerlich zur Ruhe zu kommen, den Kopf frei zu machen und sich mit DER Frage im Minimalismus als Lebensstil überhaupt zu befassen: „Brauche ich dieses Ding? Was brauche ich wirklich?“

Zur Ruhe kommen, den Kopf „frei machen“
Immer wieder wird betont, Achtsamkeit helfe, zur Ruhe zu kommen, den Kopf frei zu bekommen. Aber wer bereits erste Erfahrungen mit Achtsamkeitsübungen gemacht hat, wird dieses Phänomen kennen: Da ist – endlich – äußerlich Ruhe, ein idealer Ort, ein guter Zeitpunkt gefunden – und dann taucht er auf: der innere Zirkus, der innere Lärm. Statt den eigenen Atem in der Sitzmeditation wahrzunehmen oder das Abrollen der Füße bei der Gehmeditation, gehen Gedanken in Zukunft und Vergangenheit, wird abgewägt, geht es die Gefühlsklaviatur hoch und runter, zwickt und zwackt es im Körper. Nichts ist mit „zur Ruhe kommen“. Der Kopf ist keinesfalls frei, sondern voll bis zum Anschlag. Was tun?

1. Zeit
So, wie das Abkühlen eines heiß gelaufenen Automotors Zeit benötigt, benötigt auch die eigene Überdrehtheit, Unruhe, Reizüberflutung einfach Zeit, um sich wieder „runterzuregeln“. Es geht nicht ohne Zeit und nicht ohne Geduld.

2. Ansprüche an sich selbst
Vielleicht DIE Herausforderung überhaupt: Geduld mit sich und den eigenen Ansprüchen entwickeln. Achtsamkeit gibt’s nicht auf Knopfdruck, es geht nicht um Leistung, es geht nicht um „Können“ in unserem üblichen westlichen Verständnis. Es geht um Üben. Auch der erfahrenste Mönch in einem buddhistischen Kloster oder der Dalai Lama höchstpersönlich machen in ihren täglichen Meditationen nichts anderes als üben – nur halt schon sehr viel länger.

Achtsamkeit ist kein Wettbewerb mit dem eigenen Ich

3. Zur Ruhe kommen – trotz und mit der Unruhe
Es ist völlig normal, nicht sofort in den „Stille-Modus“ umschalten zu können. Das „Kopfkino“ –  oder „Affen-Gehirn“ wie es im Buddhismus oft genannt wird – ist völlig normal, nicht ungewöhnlich und nicht „falsch“. Was kann ich in solchen Situationen tun? Dazu folgende Achtsamkeits-Tipps:

Gehmeditation
Mit Hilfe der Gehmeditation gelingt es nach meiner Erfahrung besonders gut, wieder den nötigen Boden unter die Füße zu bekommen. Ganz konkret und ganz praktisch. Wir können die Sicherheit und Stabilität des Bodens mit jedem Schritt fühlen oder z.B. auch eine innere Anspannung in der Bewegung an den Boden abgeben.

Hinschauen, hinfühlen
Welche Körperempfindungen, Gefühle oder Gedanken beschäftigen mich? Dieses Hinschauen und Hinfühlen ist mehr, als „nur“ über ein Problem nachzudenken. Es ist ein erster Schritt, nämlich innerlich einen gewissen Abstand zu all dem „inneren Zirkus“ zu gewinnen.

Sich nicht verstricken
Es geht nun an genau dieser Stelle nicht darum, sich jetzt ausführlich mit all den Gedanken, Gefühlen und Empfindungen weiter zu beschäftigen, sondern stattdessen gleichermaßen freundlich wie konsequent immer wieder zur Achtsamkeitsübung zurückzukehren.

Freundlich und konsequent mit sich selbst
Manchmal gelingt es, die Achtsamkeit tatsächlich wieder zum eigentlichen Üben im Hier und Jetzt zurückzubringen. Manchmal fällt dies aber auch schwer. Dann kann es helfen, beispielsweise immer wieder mit den vorhandenen körperlichen Empfindungen zu atmen und zu versuchen, beim Ausatmen die körperliche Verspannung loszulassen. Gelingt es in einer Übungseinheit dann auch nur einen einzigen winzig kleinen Atemzug lang, wirklich nur auf das Atmen zu achten oder in der Gehmeditation nur einen einzigen Schritt lang bei der Sache zu sein, dann ist dies wichtig und entscheidend. Und wer weiß, vielleicht gelingt es ja mit mehr Übung, irgendwann sogar insgesamt zwei Schritte oder Atemzüge lang achtsam zu sein…

Zur Ruhe kommen und die inneren Stimmen ausschalten. Ein Lernprozess. Aber nicht unmöglich

Entscheidend ist also immer genau der Moment, an dem mir bewusst wird, dass ich abgelenkt bin. Es geht darum, das überhaupt zu bemerken und sich nicht weiter darin zu verstricken, sondern immer wieder freundlich, aber auch konsequent zur Achtsamkeit, d.h. der Wahrnehmung des gegenwärtigen Augenblicks zurückzukehren. Genau dies immer und immer wieder zu üben, ist insbesondere in unserer von Konsum und Ablenkung geradezu überfluteten Gesellschaft sehr hilfreich. Bin ich z.B. gerade in irgendwelchen Einkaufszonen unterwegs, kann ich mich, meine Körperwahrnehmung, Sinne, Gefühle und Gedanken immer wieder neu ausrichten.

Mein Tipp: Gehmeditation
Gerade wer sich dem Minimalismus als Lebensstil verbunden fühlt, erhält mit der regelmäßigen Übung der Gehmeditation eine Möglichkeit, sich immer wieder neu auszurichten – und sich damit auch im „Konsumdschungel“ besser und leichter orientieren zu können. Ansonsten empfehle ich, einfach auszuprobieren und sich ggf. eine Übungsgruppe und/oder fachliche Anleitung zu suchen. Einige Anregungen, auch Anleitungen zur Gehmeditation habe ich unter meinen Achtsamkeitsübungen zusammengefasst.

Achtsamkeits-Expertin Gabi Raeggel © Vera Dohmann

Über die Autorin
Ich bin Gabi Raeggel und blogge auf achtsame-lebenskunst.de.
In einer Phase beruflicher Überlastung habe ich Achtsamkeit kennengelernt und durch die regelmäßige Meditationspraxis Minimalismus als Lebensstil für mich entdeckt.  Beides hat zu weniger Belastung und mehr Lebensfreude, Entspannung und Zufriedenheit geführt.

Mehr Achtsame Lebenskunst gibt’s auch auf Facebook und Twitter.

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#MoreMoments. Was wirklich wertvoll ist im Leben. Die aktuelle Blogserie auf Minimalismus21. Alle (vorherigen) Teile der Serie findet ihr unter dem Suchbegriff #MoreMoments rechts oben (Lupe) und natürlich bei Twitter. Zu  Teil 1 und Teil 2 sowie zu  Teil 3 und Teil 4.

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